Fleisch-Linkes Kulinarium Teil I

SalamitiereWie andernorts bereits angekündigt: Hier kommt der exklusive Salamitest der Fleisch-Linken! Also ran an die pflanzlichen Eiweißmoleküle!

Der Liebste wünschte sich für den Reformationstagsabend statt Kürbissuppe eine Salamipizza. Gewünscht, besorgt. Also die Zutaten. Und da es derzeit Frischhefe en masse gibt, gelang sogar ein hervorragend gehender Teig. (Das traumatische Experiment mit längst abgelaufener Trockenhefe während des großen Hefemangels im Frühjahr verfolgt mich jetzt noch. Das ist wirklich nicht empfehlenswert, weil’s einfach nicht aufgeht und schmeckt wie Knüppel aufn Kopp, wie mein Großvater gesagt hätte.) Als aufopferungsvolle Versorgerin erwarb ich neben Hefe 1050er Weizenmehl (um dem Glutenmangel vorzubeugen), Ananasstücke im eigenen Saft (mit Veganlabel – ernsthaft, Alnatura?), Champignons (was wird das denn für eine abartige Mischung?), Kirschtomaten (zu dieser Jahreszeit??), geriebenen Gouda sowie Mozzarella (weil der bisher getestete Fake-Käse leider nur als brechreizerregend zu klassifizieren ist) – und (im normalen Supermarkt) drei Sorten Salami à la vegana: Veganer Aufschnitt nach Salami-Art von Veggy Friends und zweimal Rügenwalder: Vegane Mühlen-Salami klassisch und Vegane Mühlen-Salami mit buntem Pfeffer. Die letzteren sind seit kurzem mit neuer Rezeptur: Weizenprotein statt Hühnerei. Lecker sind sie alle drei.

Wie nah sie ans original Tierprodukt heranreichen, kann ich nur schätzen, weil ich vor 25 Jahren zum letzten Mal Fleisch gegessen habe. Insgesamt 8/10. Geschmack und Geruch top. Konsistenz könnte etwas fester sein, doch das sind Luxussorgen. Wer Pfeffer mag, soll ruhig mal diese Variante probieren. Auf Pizza: Kann man machen, sie werden nicht unangenehm trocken und geben herzhaften Geschmack. Preis-Leistungs-Verhältnis: Rügenwalder ist billiger und im Angebot für knapp 1 Euro zu haben (regulär 1,29 Euro für 80 Gramm); Für die Salami von Veggy Friends habe ich knapp das Doppelte für die gleiche Menge bezahlt – die überzeugt mich allerdings auch durch den fantastischen, sehr rauchigen Geruch, der an köstliche Schulbrote mit tierischer Salami plus Philadelphia plus Schwarzbrot erinnert. Sehr geil. Gesundheitliche Benefits: Na ja. Salzig. Rauchig. Zuckrig. Wie gesagt: Sehr geil, und in Maßen genossen absolut vertretbar. Für Umsteigerinnen passend, weil es zeigt: Man muss kein armes Schwein umbringen, um was Leckeres auf Brot (oder Pizza) zu kriegen.

Aber: Darf man denn als ethisch orientierte Konsumentin bei so einem opportunistischen Fleischkonzern wie Rügenwalder Mühle überhaupt irgendwas kaufen? Wo es doch jetzt vegan ist? Und mit Ökostrom produziert? Und echt echt schmeckt? Und Nicht-Veggies überzeugen kann? In veganen Gruppen und Foren im Netz tauchen solche Fragen regelhaft auf, die ausgetauschten Argumente sind immer die gleichen und werden vehement verteidigt. Was niemals fehlen darf: Die überwältigende Macht der Verbraucherinnen. Seit fünfzig Jahren hämmert nicht nur die Werbung der Bevölkerung ein, sie lebe in einer großartigen „Konsumentendemokratie“, in der Kaufentscheidungen die Gesellschaft veränderten. Man könne wählen zwischen einer Vielzahl unterschiedlicher Produkte und mit dem individuellen Konsum Konzerne und ganze Märkte nennenswert beeinflussen.

Das ist illusionär.

Nach einem meiner Vorträge zum Thema Menschenfeindlichkeit in der veganen Tierrechtsbewegung, in denen ich auch eine Kritik an der veganen Lebens- und Ernährungsweise als Konsumkritik formuliere, fragte eine Person aus dem Publikum entsetzt, ob es wahr sei, dass ich eine Regenschirme fabrizierende Fabrik mit einer Fleisch fabrizierenden Fabrik gleichgesetzt hätte. Ja, das tue ich. So verschieden sind die Produkte nämlich nicht, denn ihre Produktionsweise und ihr Produktionszweck sind gleich: Sie entstehen unter dem Druck, aus Kapital mehr Kapital zu erzeugen. Man hat die vorgebliche Wahl zwischen Produkt A, Produkt B und Produkt C, die sich in Preis, Aussehen und Material unterscheiden können. Ihr gemeinsamer Zweck besteht darin, den maximalen Profit zu erwirtschaften, egal wie und egal um welchen Preis. Ob die Produkte für irgendwen nützlich sind, ob sie die Umwelt zerstören, ob sie Menschenleben kosten, spielt keine Rolle. Sie sollen Bedürfnisse befriedigen, die sie selbst erschaffen.

Rügenwalder Mühle hat in diesem Jahr zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte mehr Umsatz mit veganen und vegetarischen Produkten erwirtschaftet als mit fleischhaltigen, und der Trend wird sich voraussichtlich fortsetzen. Nicht weil der Konzern plötzlich Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft übernehmen wollte, sondern weil man mit „nachhaltigen“, „ethisch korrekten“ Produkten seit einiger Zeit hervorragende Gewinne erzielen kann. Das ist nichts besonders Verwerfliches, vor allem ist es Alltagsgeschäft in der kapitalistischen Gesellschaft. Man kann deren Produkte kaufen oder boykottieren, einen Unterschied – außer für das persönliche Befinden – macht es kaum.

Wer noch mehr erfahren will über Fair-Trade-, Vegan- und Bio-Illusionen, schaue in meine Literaturempfehlungen Teil 1. und Teil 2. 2014 erschien eine Arte-Doku, die umfassend über die Bio-Illusion aufklärt. Hier habe ich in Bezug auf den Rapunzel-Eklat noch etwas zum Thema Boykott veröffentlicht, und am 25. November halte ich auf Einladung des AStA Köln und der Students for Future meinen neuen Vortrag »Vegan ist nicht genug«. Zur Unmöglichkeit der Revolution im Supermarkt – online mit einem Livestream. Details folgen in Kürze.