Tote gegen Tote

Gedenken an die Corona-Toten in Hamburg
Gedenken an die Corona-Toten in Hamburg-Altona

Corona-Tote sichtbar machen: In Berlin, Recklinghausen, Hamburg, Bad Kreuznach, Zürich, Linz, auf La Palma und in vielen weiteren Städten haben sich seit Anfang Dezember zahlreiche Menschen einer von der Künstlerin Veronika Radulovic und dem Schriftsteller Christian Y. Schmidt gegründeten Initiative angeschlossen. Jeweils sonntags zum Sonnenuntergang stellen sie Kerzen zum Gedenken an die vielen Toten auf, die am Coronavirus gestorben sind.

Die Kerzen sollen ein Zeichen setzen gegen die Anonymität und gegen das Schweigen. Denn die Toten kommen in den Medien bisher überwiegend abstrakt als Zahlen in einer Statistik vor. In knappen Worten werden »die Zahlen« mit weniger Emotion verlesen als die Lottoergebnisse. Und je mehr es werden, desto stiller wird es in den Medien – die Gesamtzahl der Gestorbenen muss man inzwischen immer öfter selbst recherchieren, sofern nicht gerade eine berichtenswerte traurige neue Anzahl erreicht ist.

Einige Initiatorinnen der Initiative berichten inzwischen davon, dass die Gedenkorte mutwillig beschädigt werden. Manche erhielten Nachrichten oder Kommentare auf Facebook, wo die Initiative ebenfalls unter dem Namen und dem Hashtag CoronaToteSichtbarMachen aktiv ist und zur Vernetzung und zum Mitmachen einlädt.

Was stört die Störerinnen am stillen Gedenken? »Ist eigentlich nett gemeint, aber wer gedenkt der an Krebs Gestorbenen? […] Vielleicht sollte man lieber für all die Kinder auf die Straße gehen, die gerade sozial abgehängt werden, […] für all die Frauen, die wegen des Lockdowns Gewalt erfahren, für all die Menschen, die durch den Lockdown verarmen«, schrieb jemand auf Facebook. Eine andere Person hinterließ an einem der Gedenkorte einen Zettel mit folgender Botschaft: »240 000 Krebstote hingegen finden wir nicht entsetzlich. Obwohl es sie jedes Jahr gibt. Zumindest gedenken wir ihrer nicht.«

An jedem 1. Oktober findet mit den »Lichtern gegen Brustkrebs« ein Gedenken an all jene Frauen statt, die jedes Jahr an Brustkrebs sterben. Jährlich am zweiten Sonntag im Dezember wird der Kinder und jungen Erwachsenen gedacht, die so früh gestorben sind. Am 15. Februar, dem internationalen Kinderkrebstag, machen Vereine und Stiftungen jedes Jahr auf die an Krebs erkrankten und an Krebs gestorbenen Kinder aufmerksam. Es existieren zahlreiche Gedenktage und Gedenkmonate für die vielen Menschen, die einer Krebserkrankung erlegen sind. Dies lässt sich leicht googeln. Die Behauptung der Störerinnen, dieser Toten würde überhaupt nicht gedacht, ist unzutreffend.

Die Zeit, die die Störerinnen investiert haben, um die Zahl der Menschen zu recherchieren, die jährlich an Krebs sterben, plus die Zeit, die sie aufgewendet haben, um ihre Gedanken niederzuschreiben und ein laminiertes Stück Papier zu einem Gedenkort für die Corona-Toten zu bringen, hätten sie aufwenden können, um einen eigenen Gedenkort für die Krebstoten zu schaffen, wenn diesen ihr besonderes Mitgefühl gilt. Oder sie hätten ein Projekt für bedürftige Familien unterstützen können. Oder warme Handschuhe für Obdachlose stricken. Oder die gesellschaftlichen Ursachen des Gesamtelends bekämpfen, das sie beklagen. Denn das war ja schon lange vor Corona da; die Pandemie verschärft es zusätzlich. Und woher nehmen die Störerinnen die Gewissheit, dass diejenigen, die der Corona-Toten gedenken, sich darüber hinaus nicht ebenso in anderen Bereichen engagieren? Und tun die Störerinnen dies jemals selbst?

Sie spielen Tote gegen Tote aus. 240 000 Krebstote. Diese wirklich erschreckend hohe Zahl zu notieren und den »nur« 66 000 Corona-Toten (Stand: 18.2.2021) gegenüberzustellen, ist perfide. Es gibt zudem einen Unterschied: Nahezu sämtliche Corona-Tote in Deutschland hätte man verhindern können, hätte der Westen nicht das lebensverachtende Motto »Leben mit dem Virus« als Strategie gewählt und hätte man die kolonialrassistisch bedingte Begriffsstutzigkeit überwunden und von den südostasiatischen Erfolgen bei der Pandemiebekämpfung gelernt.

Gewiss, auch viele Krebstote, jedoch wohl nicht alle, ließen sich vermeiden durch bessere Gesundheitsvorsorge, Aufklärung und vor allem gesündere Lebensumstände für alle (mehr freie Zeit und Abschaffung der Lohnarbeit könnten für den Anfang schon viel dazu beitragen). Woher kommt der Drang, die Toten gegeneinander aufzurechnen? Was sind die Motive der Störerinnen? Um Empathie mit den angeblich zu wenig beachteten Opfern scheint es nicht oder höchstens am Rande zu gehen.

Die Instrumentalisierung kaschiert in erster Linie eines: die Konstruktion der eigenen, als von Empathie geprägt wahrgenommenen Identität, indem man anderen empathisches Vermögen abspricht. Denn die Störerinnen kommen gar nicht auf die Idee, mit eigenen Aktionen Krebstote sichtbarer zu machen, ja, sie wissen noch nicht einmal, dass es zahlreiche Gedenktage zu deren Erinnerung gibt. Ihnen geht es auch nicht darum, einen anderen Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod zu etablieren. Sie verlangen dies von anderen (»man sollte«) und werfen anderen Untätigkeit vor (»ihr gedenkt ihrer nicht«).

Weil der an Krebs Gestorbenen und der Bedürftigen nicht oder nicht genügend gedacht wird, und sie aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden, braucht man auch um niemand sonst zu trauern, kann man sich das Mitgefühl gleich ganz sparen. Der Mangel an Empathie und Solidarität, den die Störerinnen anderen unterstellen, ist ihr eigener. Das Nicht-sehen-Wollen und Beschweigen der Corona-Toten dient ihnen zur Legitimation, diejenigen, die dennoch versuchen, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, zu belehren und zurechtzuweisen. Es betrifft sie nicht – und zwar gleich doppelt: »Ich bin persönlich nicht davon betroffen, und es macht mich auch nicht betroffen.« Wenn es nach ihnen geht, soll sich die Welt gar nicht zum Erträglicheren bessern – dass kein Mensch mehr unnötig leiden und sterben muss -, damit die moralinsauren Störerinnen nur weiter stören können.

zuerst erschienen in: Neues Deutschland, 20.2.2021

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