»Landluft macht frei!«

Die völkisch-esoterische Anastasia-Bewegung ist im deutschen Osten auf dem Vormarsch

»Wir fühlen uns frei und souverän geboren, bereit, mit jedem Menschen jeder Weltanschauung ins Gespräch zu kommen. Wir sind frei von Rechts-links-Denken.« So steht es auf der »Netzseite« von Iris und Markus vom Stamm Krause, die in Grabow, einem 240-Seelen-Dorf in Brandenburg, gemeinsam mit 16 weiteren Menschen auf derzeit 23 Hektar eine völkische Siedlung aufbauen. »Wir stehen dafür, dass jedes Dorf und jede Stadt für sich selbst frei entscheiden kann, wie es mit der Einwanderung umgeht«, heißt es weiter im Statement der Krauses. Dass es dabei um rassistisch motivierte Abschottung geht, belegt Iris Krauses Überzeugung, dass »mittlerweile 4.000 Schläfer … hier ein Untergrundnetz aufbauen«. Sie beteuert: »Wir sind uns einig, dass unser Dorf frei bleibt von illegalen Einwanderern, die derzeit unser Land überfluten.« Sie wünscht sich eine Bürgerwehr zur Verteidigung gegen die Horden aus dem Süden. Ortsvorsteher Werner Goldmann freut sich über die Krauses und die jungen, kinderreichen Familien, die sein Dorf seit einigen Jahren bevölkern. Von Protest hört man wenig.

Offenbar gibt es ausreichend finanzkräftige Unterstützerinnen. Private Darlehen und Spenden in Höhe von rund 170.000 Euro flossen in den »Freikauf« von knapp 50 Hektar Land, auf denen in Zukunft weitere Familienlandsitze entstehen sollen; 20.000 Euro beträgt das Eintrittsgeld in die völkische Gemeinschaft.

Krause ist stolz darauf, dass sich die Ahnenreihe ihres Mannes in der Dorfchronik 500 Jahre zurückverfolgen lässt – das ist echte Heimatverbundenheit und etwas ganz anderes als die Wurzellosigkeit jüdischer Kosmopolitinnen, die von einer Großstadt in die nächste ziehen und nirgendwo richtig hingehören. Mann Markus soll bei einem Treffen mit Gleichgesinnten gesagt haben: »Die wollen Chaos. Die, das sind die Zionisten. Die jüdischen Eliten kooperieren mit den Eliten aus unseren Völkern. Ich nenne sie schwarze Eliten.«

Kontakte zur Identitären Bewegung und in die Reichsbürgerszene sind belegt. Die Anastasia-Siedlerinnen gehören zu einer weitverbreiteten Bewegung am extrem rechten Rand. Ähnliche Siedlungsprojekte gibt es in ganz Deutschland, wie man in Andrea Röpkes und Andreas Speits kürzlich erschienenem sachkundigen Buch über die Völkische Landnahme (Ch.-Links-Verlag, 210 Seiten, 18 Euro) erfährt. Die Autorinnen gehen davon aus, dass Hunderte »alte Sippen« in Deutschland existieren. Seit kurzem nehmen die Medien die Siedlerbewegung in den Fokus und profitieren von der jahrelangen Arbeit der Antifa. Eine aktuelle »Kontraste«-Reportage schlug einige Wellen und schreckte die braunen Ökos auf, die anschließend das entlarvendste Videomaterial von der Plattform Youtube entfernten.

Der Regionalzeitung gegenüber äußerte der damals 23jährige Student Krause 2001 seine Sorge, dass nicht genug getan würde, »um junge Menschen bei der Identitätsfindung und der Entwicklung von Heimatbewusstsein zu unterstützen« und »um Menschen Wurzeln zu vermitteln, die nach 1945 damaligen Generationen abgeschnitten wurden«. Laut der Rechtsextremismusexpertin Röpke nahm Krause 2007 am Ostertreffen des antisemitischen Bunds für Gotterkenntnis (Ludendorffer) teil. Auf seinem Landsitz richtete im Sommer 2015 der Sturmvogel, eine Abspaltung der rechtsextremen und mittlerweile verbotenen Wiking-Jugend, ein einwöchiges Ferienlager für über 70 Kinder und Jugendliche aus. NPD-Funktionärinnen, Angehörige der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend und Mitglieder der rassistischen Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft lieferten ihre Sprösslinge zu Frühsport, Strammstehen und »Arbeitseinsätzen« ab.

Die aus Russland stammende sogenannte Familienlandsitzbewegung, der die Krauses anhängen, breitet sich derzeit insbesondere im Osten Deutschlands aus. Die Siedlerinnen berufen sich auf die Anastasia-Bücher des russischen Unternehmers und Fantasy-Autors Wladimir Megre, der in seiner zehnbändigen Reihe Die klingenden Zedern Russlands eine paradiesisch-völkische Welt entwirft. Die Bücher sollen weltweit inzwischen elf Millionen Mal verkauft und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden sein.

Worum geht es? Anastasia ist eine fiktive Figur, die Megre und seine Anhängerinnen als real darstellen. Sie soll dem ebenso fiktiven uralten Volksstamm der Wedrussen angehören. Präsentiert wird sie mit wallendem blondem Haar, und sie lebt mal nackt, mal in einen Hauch von Nichts gehüllt im Einklang mit der Natur irgendwo in den Wäldern der russischen Taiga. Dort versorgen Eichhörnchen sie mit Nüssen, und sie kommuniziert telepathisch mit allen Tieren und Pflanzen, mit denen sie in friedvoller Harmonie lebt.

Megres Epos ist eine Verschmelzung von Naturreligion, Esoterik, Verschwörungstheorien, Antisemitismus, völkischem Gedankengut und Geschichtsrevisionismus. Er praktiziert die antisemitische Täter-Opfer-Umkehr, wenn er im sechsten Band der Reihe schreibt, »dass das jüdische Volk vor den Menschen Schuld hat«. Diese Schuld hätten die Jüdinnen auf sich geladen, weil sie »versuchten alle zu betrügen, vom Jungen bis zum Alten«. Megre behauptet, »dass viele Juden wohlhabend sind und sogar auf die Regierung Einfluss nehmen können«. Die westliche Presse unterdrückt ihm zufolge »die Brisanz der jüdischen Frage«, denn die Welt würde von einem jüdischen Oberpriester beherrscht.

Nach strengen Vorgaben sollen die Leserinnen sogenannte Familienlandsitze gründen, auf denen Vater, Mutter und »erbgesunde« Kinder als Selbstversorgerinnen leben sollen. Über ihre nackten Fußsohlen stehen sie in Verbindung mit der Scholle. Die hippieeske Blut-und-Boden-Romantik verspricht ein konfliktfreies, naturverbundenes Leben und die Erlösung aus der fremdbestimmten Lohnarbeit. Praktisch bedeutet das, dass die Siedlerinnen Häuser, Höfe und Land in strukturschwachen Regionen kaufen. Sie bringen sich als nette Nachbarinnen ein, organisieren Fahrdienste für die Kinder, laden zu Brauchtumsmärkten und sind furchtbar hilfsbereit. Viele der Frauen engagieren sich ehrenamtlich oder sind – nicht zufällig – im erzieherischen Bereich tätig. Zur Verbreitung und Festigung ihrer Ideologie ist der von äußeren Einflüssen möglichst abgeschirmte Zugriff auf Kinder und Jugendliche enorm wichtig. Familie Krause versucht derzeit, eine Schule in Grabow einzurichten.

Frauen sollen sich keusch verhalten und kleiden, damit Männer nicht von ihren Reizen verwirrt werden. Megre/Anastasia ist es »unbegreiflich, wie die dunklen Kräfte es schaffen, die Frauen dermaßen zu verdummen, dass sie ahnungslos die Männer mit ihren Reizen anziehen und ihnen somit die richtige Wahl unmöglich machen, die Wahl der Seele«. Während des Stillens soll die Mutter all ihre Aufmerksamkeit auf den Säugling und dessen Zukunft richten. Sie darf dabei keine negativen Emotionen haben. Frauen sollen keine Individuen, sondern Heilige und Mutter sein, die Verkörperung des weiblichen Prinzips. Emanzipation, Feminismus, wechselnde Partnerinnen, Sich-Ausprobieren und Homosexualität werden selbstverständlich abgelehnt.

Auf den Familienlandsitzen wird die Zeit bewusst zurückgedreht. Heimat, Sippe, Blut, Familie, Reinheit, Ahnen sind wichtige Schlüsselbegriffe. Errungenschaften der Zivilisation sind verpönt, wobei das Dilemma, im Nirgendwo auf ein Auto angewiesen zu sein und, solange die Telepathie nach Anastasia noch nicht klappt, Internet und Telefon zur Vernetzung zu benötigen, nicht aufgelöst wird.

Die russische Regierung unterstützt die Bewegung und verschenkt Land an Familien, die in unbesiedelte Gebiete in Sibirien ziehen wollen. Dort soll es rund 300 solcher Landsitze geben. In Deutschland sollen es bereits 17 sein, einige weitere existieren in der Schweiz, in Italien, den Niederlanden und in Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Die Bewegung ist dezentral, aber vernetzt: Hierzulande findet seit 2014 jährlich das Anastasia-Festival statt, auf dem Kreistänze aufgeführt werden und man Vorträgen über das »germanisch-arische Erbe« lauschen kann. Iris Krause, die das Festival anfangs »hütete«, schwärmt, dass dort »unsere deutschen Schätze« gefördert würden. Dorothea Baumert, Mitorganisatorin des Festivals 2017, an dem 550 Personen teilnahmen, ist sich bewusst, dass viele Familienlandsitzbewohnerinnen rechtes Gedankengut verbreiten. In der Bewegung gebe »es viele Menschen, die sprechen Dinge aus, wo ich sage, das ist nicht mein Weltbild – aber gerade da möchte ich tolerant sein. Meine Überzeugung ist die, dass die höchste Toleranz diejenige gegenüber Intoleranz ist.«

Viel Platz ist in der Bewegung für Holocaust-Leugnerinnen und Anhängerinnen der sogenannten Telegonie. Die »These« der Vererbungslehre aus dem 19. Jahrhundert behauptet, dass beim ersten (selbstverständlich männlichen) Sexualkontakt einer Frau die Gene des Partners bei ihr unauslöschlich Spuren hinterlassen und Kinder aus späteren Vereinigungen geno- und phänotypische Merkmale des Mannes aufweisen würden. Die »Blutschutz-Gesetze« von 1935 basierten darauf und dienten zur Konstruktion der »Rassenschande«. Eine »arische« Frau könnte demnach keine »arischen« Kinder gebären, wenn sie einmal mit einem »Nichtarier« geschlafen habe. Leicht abgewandelt kommt die These auch bei Megre zum Tragen. Er bedient damit neonazistische Kreise, die die Telegonie nach wie vor heranziehen, um den schädlichen Einfluss »fremder« DNA auf die »Reinheit der Rasse« zu brandmarken. Auch Maik Schulz vom Siedlungsprojekt Weda Elysia im Ostharz bekennt im Kreis interessierter Anastasia-Anhängerinnen: »Das ist der letzte Versuch, die Rasse noch zu retten.«

Frank Willy Ludwig betreibt die mit kaum kaschierten Hakenkreuzen geschmückte Internetseite Urahnenerbe Germania, die eine Geistesverwandtschaft zur Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe der SS im Namen trägt, die die angebliche Überlegenheit der »arischen Rasse« wissenschaftlich legitimieren sollte. Ludwig lebt nach eigener Aussage »solide arisch« mit seiner Familie im brandenburgischen Liepe und ist mit der Werbung für Familienlandsitze und der Etablierung einer Anastasia-Privatschule in Deutschland beschäftigt. Die deutsche Schuld am Holocaust hält er für nicht bewiesen, zu seinen Lieblingsvokabeln gehören das »Weltjudentum« und die »Dämonkratie«, die er sich bei Megre abgeguckt hat. Unter der Adresse Familienlandsitz.com betreibt er eine weitere »Weltnetzseite« mit deutlicher Nazi-Symbolik.

Eine Reportage des Bayerischen Rundfunks zitiert Ludwig: »Kümmert euch um eure Frau. Zeugt Kinder. Schafft euch einen Garten an. Fertig! Das ist doch, was der Führer auch gesagt hat. Blut und Boden. Kraft durch Freude.« 2017 erklärte er seinen Workshop-Teilnehmerinnen beim Anastasia-Festival die Taktik, die man anwenden muss, um »sich im Volk beliebt zu machen«: Bunte Kleider, Tänze und Gesang sollten das Bild nach außen prägen. Eine altbewährte Methode, um rechtsradikales Gedankengut unters Volk zu bringen. Auch beim Klimacamp 2017 waren die braunen Hippies zugegen. Ökologie, Tierschutz und bunt berockte Heimattümelei waren schon immer prädestiniert, rechte Ideologie zu verbreiten, weil sie so einen harmlosen Eindruck machen.

Wer noch mitmischt: Der Naturkostriese Rapunzel lud im Juli 2018 Ralf Otterpohl, Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der TU Hamburg, zum einstündigen Vortrag über sein Buch und das gleichnamige Konzept Das neue Dorf ein. Otterpohl begrüßt die Anastasia-Bewegung als Impulsgeberin und wirbt ausdrücklich für Familienlandsitze. Von Antisemitismus oder Rassismus sei ihm in Megres Büchern »nichts aufgefallen«. Den Mitschnitt der Veranstaltung haben sich immerhin rund 4.500 Menschen bei Youtube angesehen. Otterpohl befürchtet eine Umweltmigration von 200.000 Menschen aus afrikanischen Ländern nach Europa, da sie »das eigene Land durch Dummheit zerstören und dann verlassen« würden. Er bedient sich verschwörungstheoretischer Vokabeln und meint, der Einsatz von Glyphosat führe dazu, dass »unsere Verbindung zu Gott … kaputtgemacht wird«.

Der Professor entwirft eine entsetzliche Zukunftsvision für die degenerierte, gierige, besinnungslose Menschheit, die sich aufgrund von »Überurbanisierung« selbst zerstöre. Die einzige Rettung liegt in einem Zurück zur Natur. Mit dem Schlachtruf »Landluft macht frei!« endet die verstörende Vorstellung. Anschließend hatte ein Siedler aus dem Allgäu Gelegenheit, einen Werbefilm über seinen »Mutterhof« zu zeigen. Der Abend sei ein »erfrischender Aufruf zu Optimismus und dem Mut, das Leben in die eigene Hand zu nehmen« gewesen, heißt es auf der Website von Rapunzel. Auf den Kommentar eines Junglandwirts, der sich für solche Siedlungsprojekte interessiert, antwortet der Konzern: »Es freut uns, wenn wir Inspiration weitergeben können.«

Die Allianzen zwischen Familienlandsitzen und anderen Projekten und Personen aus dem rechten und rechtsradikalen Spektrum sind nicht zufällig, denn auch wenn die Siedlerinnen vereinzelt auf ihren Landsitzen hocken, brauchen sie die Verbindung zu Gleichgesinnten, die ihr Weltbild teilen, denn sie haben die Vision einer rassereinen Gemeinschaft, die sie eint und die Wirklichkeit werden soll. Fürsprecherinnen mit Professorentitel geben der braunen Gesinnung einen seriösen und wissenschaftlichen Anstrich, während der Naturkostproduzent sein Gütesiegel vergibt. Besonders gefährlich ist die Blindheit von Ortsvorsteherinnen und -bürgermeisterinnen, die die Siedlerinnen in ihrer Mitte willkommen heißen und billigend in Kauf nehmen, dass so ganze Dörfer ideologisch auf Linie gebracht werden. Inzwischen haben mehrere Landesverfassungsschutzämter die Anastasia-Bewegung zur Kenntnis genommen. Ob ihr das schadet, wird sich zeigen.

zuerst veröffentlicht in „konkret“ 8/2019

2 Anmerkungen:

In der Druckfassung ist mir ein bedauerlicher Fehler unterlaufen. Dort war zu lesen, dass im brandenburgischen Grabow auch der Neonazi Maik Eminger ansässig gewesen ist. Hierbei handelt es sich jedoch um ein anderes, ebenfalls in Brandenburg befindliches Dorf namens Grabow und nicht um dasjenige, in dem die Krauses ihr Siedlungsprojekt aufbauen. Den Irrtum bitte ich zu entschuldigen. Dass man (nicht nur) in der ostdeutschen Provinz wenig Probleme mit Menschenfeinden als Nachbarn hat, bleibt dennoch wahr.

Der Naturkostproduzent Rapunzel hat inzwischen Video und Nachbericht der Veranstaltung mit Professor Otterpohl entfernt und distanziert sich von deren Inhalt. Um Missverständnissen zu begegnen: Ich halte den Konzern und seine Mitarbeiterinnen nicht für rechts. Allerdings ist dies nicht der erste Fall, in dem jemand aus der Ökobranche sich naiv gegenüber Personen oder Vereinigungen mit problematischem Weltbild verhalten hat. Die Vortragsgäste, die man sich einlädt, sollten nicht Journalistinnen näher unter die Lupe nehmen müssen, sondern im Vorfeld die Einladenden.