Antisemitische Tierfreunde und unbedarfte Tierschutzorganisationen

Paul Förster (1844-1925), während des Kaiserreichs Mitglied und ab 1893 Reichstagsabgeordneter der antisemitischen Deutschsozialen Partei, verband seine Kritik an der „jüdischen Moderne“ mit einer Kritik an der Kultur des Fleischessens, an Tierversuchen und Impfungen.

Die Rechtsextremismusexpertinnen Andrea Röpke und Andreas Speit legen in ihrem kürzlich erschienenen Buch Völkische Landnahme die mannigfaltigen Aktivitäten Försters dar, der sich höchst umtriebig in führenden Positionen beim Alldeutschen Verband und Jungdeutschen Bunde engagierte und sich darüber hinaus beim Deutschen Vegetarierbund, beim Deutschen Lehrertierschutzverein, dem Internationalen Verein zur Bekämpfung der wissenschaftlichen Tierfolter sowie dem Bund der Impfgegner engagierte. Der Antisemit wollte das „Urdeutsche“ von allem „Artfremden“ befreien, „Politik und Erziehung sollten auf den ‚Kampf um das Dasein des deutschen Volkes‘ ausgerichtet sein“[1], schreiben Röpke und Speit.

Försters Einsatz gegen Vivisektion und Schächten, die er als „jüdische Thierquälereien“ bezeichnete, entsprang ebenfalls seinem Antisemitismus. Von ihm stammt der Satz: „Das Recht der Tiere ist von allen höheren Völkern und Menschen seit je anerkannt worden. Ihnen erwächst der Schutz des Tieres als sittliche Pflicht. Gerade die starken, die schaffenden Geister haben sich immer dazu bekannt, Menschen von klugem Rat und mutiger Tat, von warmem Gemüt: die Voll- und Edelmenschen.“[2]

Die „starken, die schaffenden Geister“ sind als Gegenpol zum altbekannten „raffenden Juden“ zu lesen, der niemals Vollmensch sein kann, Rinder auf brutale Weise ohne Betäubung tötet und das absolut Böse verkörpert. Das Zitat verbreitete unter anderem der einflussreiche Tierschutzverein Proveg (ehemals Vegetarierbund) bis mindestens April 2019 unkommentiert auf seiner Website und stellte Förster dort neutral als „Politiker und Autor“ vor. (Da der Verein eine neue Internetpräsenz hat, wurde „aus Kapazitätsgründen“ die Kategorie Veggie-Fakten kürzlich entfernt; die Seite lässt sich via Wayback Machine weiterhin auffinden[3].)

In solchen Zitatsammlungen findet man üblicherweise eine wilde Mischung aus Sentenzen von Martin Luther über Richard Wagner bis Rudolf Steiner neben welchen von Paul McCartney oder Max Otto Bruker (bis auf den britischen Sänger übrigens alle bekannt für ihre Nähe oder Zustimmung zu antisemitischem rassistischem oder faschistischem Gedankengut). Immer wieder kommt es vor, dass in Tierrechtskreisen Zitate von Personen herumgereicht und voneinander abgeschrieben werden, die einen irgendwie positiven Bezug zur Tierbewegung zu haben scheinen. Herkunft, Richtigkeit, Kontext scheinen selten von Bedeutung zu sein, denn es gilt: „Hauptsache für die Tiere!“

[1] Andrea Röpke / Andreas Speit: Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos. Berlin 2019, S. 56.

[2] zitiert nach: https://jungle.world/artikel/2008/43/27271.html

[3] https://web.archive.org/web/20161226062710/https://vebu.de/veggie-fakten/zitate-beruehmter-vegetarier-und-veganer/