Von der Tütenprinzessin zur Prinzessin in der Tüte

Hier kommt ein Schatz aus meiner Kindheit.

Bild: Lappan
Bild: Lappan

Robert Munsch, Helge Nyncke: Die Tütenprinzessin (Lappan, Oldenburg 1987, 32 Seiten, antiquarisch, ab 4 Jahren)

Die Tütenprinzessin – das ist Elisabeth, eine „entzückende Prinzessin“, die, wie es sich gehört, in einem schönen großen Schloss wohnt und alsbald einen Prinzen, den Ronald, zu heiraten gedenkt. Aber es kommt dann alles anders: Ein furchterregender Drache brennt das Schloss nieder und entführt den Prinzen.

In den Ruinen findet Elisabeth nichts weiter als eine Papiertüte, die das goldgewirkte Kleid ersetzen muss. So angetan, macht sie sich auf den Weg zur Befreiung Ronalds aus den Klauen des Drachen. Der ist ungefähr so dumm, wie er aussieht, und die kleine Prinzessin trickst ihn ordentlich aus. Ronald ist gerettet und es kann geheiratet werden. Wenn nicht, ja, wenn er sich nicht als lookistisches Arschloch entpuppen würde, denn ihm gefällt Elisabeths unprinzessinnenhafter Aufzug überhaupt nicht. Elisabeth zieht ihm mit dem Ascheeimer eins über und geht ihres Weges.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann kämpft sie sicher auch heute noch gegen Drachen und bläst überheblichen Prinzen den Marsch.

Vor zwei Jahren erschien bei Ravensburger eine Neuübersetzung mit ebenfalls neuen Illustrationen.

Bild: Ravensburger Buchverlag
Bild: Ravensburger Buchverlag

Robert Munsch, Sabine Büchner: Die Prinzessin in der Tüte (Ravensburger Buchverlag 2014, 32 Seiten, € 12,99, ab 4 Jahren)

Die Übersetzung von Salah Naoura ist weniger derb als die aus dem Jahr 1987 und die Bilder sind gefälliger. Ich fand die erste Übersetzung besser, in der Ronald auf der letzten Seite noch als Armleuchter tituliert wurde. Aber Blödmann trifft es auch ganz gut:

„Ronald, deine Kleider sind wirklich schick und deine Haare toll. Du siehst wie ein richtiger Prinz aus, aber du bist ein echter Blödmann.“

Ernüchternd ist die Erkenntnis, dass Kinder die emanzipatorische Botschaft solcher Geschichten bisweilen komplett umkehren. Susanne Keuneke berichtet in ihrer Dissertation Geschlechtserwerb und Medienrezeption (Leske + Budrich 2000) von einem Mädchen, in dessen Nacherzählung der Geschichte Elisabeth sich Ronalds Worte zu Herzen nimmt, sich wieder hübsche Kleider anzieht und die beiden heiraten.

Es ist noch viel zu tun. Wir brauchen mehr Tütenprinzessinnen, Piratinnen und Raumfahrerinnen!

Bild: Annick Press
Bild: Annick Press

Robert Munsch, Michael Martchenko: The Paper Bag Princess (Annick Press, Toronto 2009 [Erstausgabe 1980], 28 Seiten, ab 3 Jahren)

Noch ein Tipp für englischsprachige Eltern und Kinder: Das Original ist von keiner der deutschen Ausgaben zu toppen. Dort werfen sich Ronald und Elisabeth herrlichste Ausdrücke um die Ohren: „You smell like a dragon’s ear!“ – woraufhin Elisabeth erwidert: „You are a bum!“ In der kanadischen Originalausgabe darf es tatsächlich bum (Penner) heißen. In Großbritannien verwehrte sich der Verlag hiergegen und der Ausdruck musste weichen.

Auf der Seite von Robert Munsch kann man sich außerdem die Geschichte vom Autor persönlich erzählen lassen (großes Ohrenkino!).

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