Alles wird nicht gut

Mit Kindern über Krieg, Verfolgung und Vertreibung reden? Diese beiden Bücher können einen Einstieg ins Gespräch ermöglichen:

Bild: Klett Kinderbuch
Bild: Klett Kinderbuch

Kirsten Boie: Bestimmt wird alles gut. Illustriert von Jan Birck. Ins Arabische übersetzt von Mahmoud Hassanein (Klett Kinderbuch, Leipzig 2016, 48 Seiten, 9,95 Euro, ab sechs Jahren)

»Ich möchte ein friedliches Leben für meine Kinder«, lässt Kirsten Boie in der auf einem realen Fall basierenden Fluchtgeschichte Bestimmt wird alles gut den syrischen Vater sagen, der mit seiner Familie in Homs lebt. Die Eltern beschließen, vor dem Krieg zu fliehen und ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Im Mittelpunkt stehen die beiden älteren Kinder, Rahaf und ihr Bruder Hassan, die als Identifikationsfiguren fungieren. Der Text ist sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch abgedruckt.

Die bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin erklärt kindgerecht, warum Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland fliehen. Eine der Illustrationen von Jan Birck zeigt ungeschönt die Trostlosigkeit des deutschen Erstaufnahmelagers, in das es die Familie nach der gefährlichen Flucht übers Mittelmeer geschafft hat. Ein Happy End gibt es nicht; dafür aber die Wahrheit, die Kinder sehr viel besser vertragen, als sich viele überfürsorgliche Eltern eingestehen wollen.

 

Bild: Jacoby Stuart
Bild: Jacoby Stuart

Jean-Claude Grumberg: Ein neues Zuhause für die Kellergeigers. Illustriert von Ronan Badel (Jacoby Stuart, Berlin 2016, 96 Seiten, 12,95 Euro, ab zehn Jahren)

Ganz anders funktioniert die Geschichte über die Kellergeigers von Jean-Claude Grumberg – mit einem speziellen Humor, der spürbar vom absurden Theater beeinflusst ist. Ein zentrales Thema im Werk des französischen Dramatikers und Drehbuchautors ist der Antisemitismus. Grumbergs Vater war vom nahe Paris gelegenen Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden, die Mutter konnte sich und die beiden Söhne ins noch nicht besetzte Frankreich retten.

Ein neues Zuhause für die Kellergeigers ist die späte Niederschrift einer Geschichte über Vertreibung und Verfolgung, die der Autor über viele gemeinsame Sonntage hinweg zusammen mit seiner Tochter Olga gesponnen und weiterentwickelt hat. Der Text ist noch nahe an der mündlichen Erzählung, mit Unterbrechungen und Gedankensprüngen, was zur Interaktion während des Vorlesens einlädt. Wie Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus funktionieren und wie willkürlich Menschen andere Menschen in Raster einordnen, zeigt Grumberg mit viel Sprachwitz und Einfallsreichtum.

Alle Kellergeiger haben zu viele Kinder. Oder zu wenige. Sie haben zu große oder zu kleine Nasen, ihre Haut ist zu gelb, zu braun, zu rot. Das macht es für die Behörden schwer, sie zu erkennen und auszuweisen. Daher wird bestimmt, dass alle Kellergeiger sich ein K auf die Stirn tätowieren lassen müssen.

Bevor es soweit kommt, flieht die Familie, wird dabei jedoch getrennt. In einem Land, das an Amerika erinnert, finden sich alle auf wundersame Weise wieder, der älteste Sohn ist hier sogar Violinvirtuose geworden. Für diese Kellergeiger gibt es tatsächlich ein glückliches Ende, allerdings: »Stets spürten sie einen Stich im Herzen, einen Schmerz in ihrer Brust, wenn sie an die Kellergeiger dachten, die da unten geblieben waren, in den Ländern, in denen ihnen das K auf der Stirn prangt und aus denen sie für immer verschwinden werden.«

 

zuerst erschienen in literatur konkret 41 (2016/17)

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