Bücher für wilde Kinder

Bild: Fischer Sauerländer
Bild: Fischer Sauerländer

Emily Hughes: Wild (Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2015, 40 Seiten, € 14,99, ab 4 Jahren)

Das Buch beginnt mit dem Satz: „Niemand erinnerte sich, wie sie in den Wald gekommen war, aber alle wussten: Es war gut, dass sie da war.“ Sie, das ist ein kleines Menschenkind, das fortan mit den Tieren im Wald das Leben und die Welt kennenlernt. Sprechen lernt sie von den Vögeln („Kaaaa Kraaa Kaaa!“), die Bären zeigen ihr, wie man mit bloßen Händen und Zähnen Fische im Fluss fängt, bei den raufboldigen Füchsen lernt das Mädchen, wie richtig gespielt wird. „Und sie verstand alles und war glücklich.“

Doch jedes Glück hat einen kleinen Stich – in diesem Fall einen menschlichen, allzu menschlichen, denn zwei große fremde Tiere finden das wilde Kind mit den grünen Lianenhaaren im Wald und müssen das arme Ding natürlich retten. Das Dschungelkind wird zu einem „berühmten Psychiater“ gebracht, der dieses seltsame Wesen zum Forschungsgegenstand macht. Doch nichts fruchtet, er und seine Frau machen einfach alles falsch: mit Messer und Gabel essen – was für ein Blödsinn! Spielen ohne zu raufen – undenkbar! Die kleine Wilde ist tiefunglücklich und schließlich explodiert sie (ein großartiges Bild, wie da alles durch die Gegend fliegt und das Lianenhaar endlich aus dem blöden Zopf befreit ist – was gäbe ich für solche Stimmungsmarker-Haare!).

In Begleitung der ehemals braven und inzwischen verwilderten Haustiere des Psychiaters, einem Hund und einer Katze, flieht das Mädchen zurück in den Wald, und niemand hält sie auf. Hier sind ihre Freunde, ihre Familie, hier leuchten ihre großen Kulleraugen wieder, hier ist sie zuhause und alles ist gut.

Ein tolles Buch, ein großartiges Buch, das vom Mut erzählt, man selbst zu sein und sich nicht verbiegen zu lassen (gerade als Mädchen!). Noch dazu ist das Buch unglaublich gut gestaltet und produziert, es ist eine Freude, es in Händen zu halten, darin zu blättern und tief in die Bilder einzutauchen.

Und nie, nie, nie will ich so ein Buch auf einem E-Book-Reader lesen müssen (ja, da bin ich ausgesprochen konservativ!) – die raue Haptik des stark holzhaltigen Papiers, das perfekt zum Inhalt passt, die noch rauere und mit floralen Elementen geschmückte Borte aus grobem Leinen am Buchrücken, das Vor- und Zurückblättern zu Lieblingsstellen im Buch, der etwas seltsame und doch so typische Geruch nach Papier und Druckfarben beim Aufschlagen und Umblättern, das alles macht es erst zu einem richtigen Lese-Erlebnis.

Bild: Diogenes
Bild: Diogenes

Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen (Diogenes, Zürich 1967, 40 Seiten, € 20,- ab 4 Jahren)

Der deutsche Verlag von Emily Hughes‘ Wild preist das Buch als „zeitgemäße[n] Nachfolger von Maurice Sendaks Wo die wilden Kerle wohnen„. Da ist was dran. Meine zwar gut behandelte, aber reichlich zerlesene Ausgabe mit der Geschichte von Max in seinem Wolfspelz und den wilden Kerlen steht nach wie vor in meinem Bücherregal (und wird immer mal wieder herausgeholt und gelesen); um nichts in der Welt würde ich mich davon trennen.

„Und jetzt machen wir Krach!“ – wurde schnell zu einem Insider zwischen meinem Vater und mir, wenn wir vorhatten, etwas Verrücktes zu tun oder ein paar Löcher in die Wände zu bohren. Wunderbar. Kinder brauchen gute Bücher, die ihnen nicht nur beibringen, wie man aufs Töpfchen geht oder dass man abends ins Bett gehen muss, sondern – viel wichtiger – dass man Selbstvertrauen fasst, seine eigene Phantasie entdeckt und dass man auch anders sein darf und kann als die anderen.

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