„Was hätte Goethe wohl von all diesen Goethe-Liebhabern gedacht?“

Bild: btb
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Soazig Aaron: Klaras Nein (btb, München 2005, 192 Seiten, antiquarisch)

Darf man das? Als Nicht-Jüdin, als Nicht-Dabeigewesene, als Nachgeborene ein Buch über Auschwitz schreiben? Zumal ein fiktives Buch, das dennoch oder vielmehr deshalb seine eigene Wahrheit enthält. Soazig Aaron bewies vor zehn Jahren mit ihrem Erstlingswerk: man kann, und ja, man darf.

Klaras Nein erzählt in Tagebuchform die Geschichte einer jungen Frau, Klara, die nach 29 Monaten aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz über selbstgewählte Umwege zu Freunden nach Frankreich zurückkehrt. Sie nennt sich eine Überdauernde, vermeidet die Bezeichnung Überlebende, denn von „da unten“ könnten nur Tote wiederkehren und: „Vernünftigerweise kehrt man aus der Hölle nicht zurück.“

Die Freundin, die dieses und weitere Fragmente in ihrem Tagebuch notiert, hatte es geschafft, den Krieg nach der gemeinsamen Flucht nach Frankreich unter neuem Namen und mit gefälschten „arischen“ Papieren zu überstehen. Klaras Tochter, die gerade dreijährige Victoire, wächst bei ihr und ihrem Mann auf und so soll es nach Klaras Willen auch bleiben, sie will das Kind nicht sehen, denn sie habe ihm nichts zu geben außer ihrem eigenen Leid, und das könne man keinem Kind antun. Es ist ein allumfassendes Nein, das Klara ausspricht und mit Selbstverleugnung zum Schutz ihrer Tochter einhergeht, denn man solle Victoire erzählen, sie sei gestorben, in Polen, „da unten“.

Klaras Erinnerungen, die in durchwachten Nächten aus ihr hervorbrechen, nennt die Erzählerin zutreffend Bruchstücke, denn in ihrer Freundin ist etwas zerbrochen an diesem Ort, den sie nie beim deutschen Namen nennt, das niemals wieder heil werden kann. Überhaupt ist Klara die gesamte deutsche Sprache, ihre einst so „geliebte Sprache“, zutiefst verhasst. Sie verabscheut sie als Hure, die bereitwillig dem einen zum Töten, dem andern zum Leben verholfen habe.

Fast absurd-komisch mutet die Szene an, in der Klara auf ihre ehemaligen deutschen Nachbarn trifft, die die geräumige 8-Zimmer-Wohnung ihrer Mutter samt kostbarem Biedermeier-Inventar „übernommen“ haben, rechtlich alles statthaft, natürlich. Sie hatten es ja auch nicht leicht, das müsse „Sarah“ verstehen. Und Klara-Sarah versteht.

Der Autorin gelingt es, die Perspektive sowohl der Zurückgebliebenen, der halbwegs Verschonten fassbar zu machen, wie auch diejenige der Zurückgekehrten – mit ihrer Trauer, ihrer Erbarmungslosigkeit gegenüber sich selbst und anderen sowie ihrer inneren Zerrissenheit. Die Unfähigkeit, den Lebensfaden wieder dort aufzunehmen, wo er gewalttätig zerschnitten worden ist, wird schmerzhaft manifest.

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