Freiheit am Okavango-Fluss statt Zirkus

Bild: Uranek-Verlag
Bild: Uranek-Verlag

Ingrid Kaletka: Natumi Okawango. Rettung für die Zirkustiere. Illustriert von Ingo Stein (Uranek-Verlag, Neuwied 2009, 176 Seiten, antiquarisch, ab 8 Jahren)

Ab heute ist der Zirkus Krone in meiner Stadt. Aus aktuellem Anlass gibt es daher jetzt eine Rezension zum Thema – denn artgerecht ist nur die Freiheit. Eltern, Tanten und Onkel, Großmütter und Großväter: Geht mit Kindern nicht in den Zoo oder Zirkus, dort lernen Kinder nur eines: dass es in Ordnung ist, Tiere einzusperren und zu begaffen. Wollen wir eingesperrt und begafft werden?

Die Geschichte

Dies ist die Geschichte einer erfolgreichen Befreiung. Doch von Anfang an: Alles beginnt in Afrika, genauer im Regenwald von Namibia, am Okavango-Fluss. Hier leben viele Großfamilien von Elefanten, darunter auch die Familie von Natumi, einem jungen Elefantenmädchen. Zusammen mit ihrem kleinen Bruder Thabo und ihrer besten Freundin Matibi bildet sie den „Kindergarten“ der Herde. Matibi wird entführt und nach Europa verschleppt, wo sie ein Leben als Zirkuselefant erwartet. Doch das will Natumi verhindern. Gemeinsam mit dem erfahrenen Elefantenbullen Hannibal und weiteren tierischen Freunden macht sie sich auf die gefährliche Reise durch die Wüste und übers Meer nach Spanien, wo die hilfreichen Albatrosse ihre Freundin geortet haben.

Auf der Reise sind viele Abenteuer zu bestehen und in Spanien angekommen bleibt es aufregend und nicht selten geraten die Freunde in gefährliche Situationen. Aber auch von Menschenseite erhalten sie Hilfe: Die Geschwister Maria und Juan schließen sich dem Suchtrupp an und dank eines alten ägyptischen Zauberspruchs klappt es auch mit der Verständigung zwischen Elefanten und Menschenkindern.

Am Ende kann nicht nur Matibi befreit werden, sondern auch alle anderen Tiere des Zirkus Diamant. Gemeinsam mit Maria, Juan und den Artistik- und Trapezkünstlern vom tierfreien Zirkus Juwel ersinnen die Freunde ein neues Zirkuskonzept, mit Menschen in Tierkostümen statt echten Tieren. Ihr Aufruf, an der Befreiung aller Tiere zu arbeiten, darf durchaus ernstgemein gelesen werden. Auch wenn es momentan Hunderte Zirkusse in Europa gibt, so kann doch jede*r sich kritisch mit dieser niemals tiergerechten Haltung und Zurschaustellung von Lebewesen auseinandersetzen und aktiv dazu beitragen, dass solche Veranstaltungen irgendwann der Vergangenheit angehören werden.

In die Geschichte streut Kaletka Informationen über Elefanten ein, zum Beispiel erfährt man, dass in einem Elefantenrüssel ganze 40.000 Muskeln tätig sind und ihn damit zu einem ausgefeilten Tastinstrument machen. An einigen Stellen ist die Autorin jedoch zu übereifrig und die Informationsflut stört fast den Fluss der Geschichte; manches hätte besser in einem Nachwort oder Glossar Platz gehabt.

Alles in allem zeigt Kaletka auf eindringliche und vor allem kindgerechte Weise, welche Qualen Tiere im Zirkus zu erdulden haben, wie engstirnig, arrogant, altmodisch und brutal viele Zirkusbetreiber sich gebärden und dass Tiere absolut nichts im Zirkus zu suchen haben, egal ob sogenannte Wildtiere oder Haustiere. Den weisen Hannibal lässt Kaletka über Zoo- und Zirkustiere sagen: Diese Tiere sitzen „für den Rest ihrer Tage hinter Gittern. Sie haben zwar gut zu essen, aber glücklich kann man in Gefangenschaft niemals sein.“ Denn das Argument vieler Zirkusleute, sie würden ihre Tiere ja mit allem Notwendigen versorgen und ihnen ginge es gut, stimmt einfach nicht. Abgesehen davon, dass gerade im Zirkus selbst die grundlegende Versorgung mit ausreichender Nahrung und Wasser nicht immer gewährleistet ist, gehört es zum Glück oder zur Zufriedenheit eines Tieres, sein artspezifisches Verhalten ausleben zu können. Dazu zählen unter anderem Nahrungssuche, freie Partnerwahl, Revierverteidigung, Sozialstrukturen, je nach Art Wanderungen, Winterschlaf oder -ruhe und vieles mehr. All dies ist in der begrenzten Welt eines Zirkus nicht gegeben. Die hier eingesperrten Tiere vegetieren langsam ihrem Tod entgegen, die einzige Abwechslung besteht aus ein paar Minuten Auftritt und der kurzen Fütterungszeit. Fast alle Zirkustiere sind psychisch geschädigt, teilweise irreparabel. Dabei spielt es nicht mal eine Rolle, ob es sich um einen großen Zirkus handelt oder nur um eine kleine Menagerie – Missstände findet man überall.

Ein Beispiel: Der Zirkus Krone, größter Zirkus Europas, führt eine große Anzahl Tiere mit sich und fällt seit Jahren durch tierschutzwidrige Haltung auf, die bei den Tieren zu stressbedingten Verhaltensstörungen und neben psychischem auch physischem Leid führen. Manche Zirkusse haben inzwischen aus eigenem Antrieb oder aufgrund der Gesetzeslage in anderen europäischen Staaten Nummern mit Wildtieren aus dem Programm genommen. Jedoch sind hier dann häufig die „Haustiere“ Hunde und Pferde weiterhin in der Manege zu sehen. Nichtmenschliche Tiere sollten überhaupt nicht im Zirkus auftreten müssen, egal ob es sich dabei um seit Jahrtausenden domestizierte Arten handelt oder um exotische Tiere. In 14 EU-Staaten sind Wildtiere in der Manege inzwischen verboten oder zumindest wurde ihre Haltung stark eingeschränkt – unsere Nachbarländer Österreich und die Niederlande gehören zum Beispiel dazu. Nur sehr wenige Zirkusse verzichten komplett auf Tiernummern. Dass es jedoch sehr gut ohne Tiere funktionieren kann, beweist der sogenannte Cirque Nouveau, wobei der Cirque du Soleil wohl der bekannteste Vertreter dieser neuen Zirkusform ist, bei der mit klassischen und modernen Zirkusakrobatikelementen eine ganze Geschichte erzählt wird und Choreographie und Performance im Vordergrund stehen.

Wie Zirkusleute ticken, zeigt exemplarisch das Wutgeheul einiger Vertreter dieser Branche auf der Seite kinderbuch-couch.de, wo ich überhaupt auf dieses Buch aufmerksam geworden bin. Wenn ein Buch so viel Hass und Rechtfertigungsversuche der Tierausbeuter auslöst, dann muss es gut sein!

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