Wie ein kleines Schwein namens Rosa die Freiheit und eine Familie findet

Bild: cbj-Verlag
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Jane Simmons: Rosa sucht ein Zuhause (cbj-Verlag, München 2011, 224 Seiten, ab 8 Jahren, antiquarisch)

Was passiert, wenn ein Schlachttransporter voller Schweine verunglückt und sich die Heckklappen öffnen? Richtig, manchmal sind einige der Tiere schlau und mutig genug, ihre Chance und die Flucht zu ergreifen. Rosa ist so ein schlaues und mutiges Schwein, das instinktiv spürt, dass diese Fahrt kein gutes Ende nehmen soll. Obwohl sie nicht weiß, was sie erwarten wird, flieht sie von der Unfallstelle in den Wald; die übrigen „Stallschweine“ werden unsanft zurück in den Transporter getrieben und setzen die aufgeschobene Fahrt in den Tod fort. (Solche Vorfälle finden nahezu wöchentlich statt und sind erschreckende Realität.)

„Das Draußen“ hatte Rosa sich allerdings ganz anders vorgestellt. Alles ist unbekannt, ein merkwürdiges kleines Wesen mit langen Ohren jagt ihr Angst ein. Und dann begegnet sie auch noch einem Wildschwein! Wildschweine, das sind doch diese fiesen Tiere, die Stallschweine fressen! Allerdings ist dieses Exemplar ziemlich klein und gar nicht so angsteinflößend, wie die Geschichten von Rosas Tante Distel sie glauben machen wollten. „Unter all seinen braunen borstigen Haaren und dem angetrockneten Matsch sah es tatsächlich aus wie eine Art Schwein.“ – Das schweineartige Wesen entpuppt sich als Wildschweinmädchen namens Flora. Nach anfänglicher Skepsis fasst Rosa nach und nach Vertrauen und entdeckt dank Flora den fantastischen Geschmack frisch ausgegrabener Wurzeln, den Geruch von Blumen und das Vergnügen eines kühlenden Schlammbads. Rosa hat viele Fragen: „Wer hat die ganzen Bäume hier hingestellt“ und „Wer hat die ganzen Blumen hergebracht?“, und der Boden kommt ihr auch merkwürdig vor, so uneben und knubbelig. Außerdem tun ihr bald die Füße weh, so viel Herumlaufen ist sie nicht gewohnt, denn in ihrem Stall musste sie sich eine kleine karge Betonbox mit vielen anderen Schweinen teilen. Flora bietet Rosa an, mit zu ihr nach Hause zu kommen, zu ihrem Onkel Bert und ihrer Tante Sissi.

In der Folge wird es sehr schnell sehr turbulent, denn in der Siedlung, in der Flora mit ihrer Familie lebt, gibt es strenge Gesetze, die fremde, rosige Schweine verbieten. Es kommt zum Streit zwischen den älteren Schweinen und schließlich machen Rosas Adoptivfamilie und einige andere Schweine sich auf den Weg, eine neue Siedlung zu gründen. Dabei kommt es zu einer gefährlichen Begegnung mit Wölfen und auch einige Bären spielen noch eine wichtige Rolle.

Im Verlauf der Geschichte kommt heraus, dass Flora ein „Bastard“ ist, ihr Vater ein „Rosiger“ war und ihre Mutter nach Floras Geburt aus der Schweinesiedlung verstoßen wurde. Onkel Berts Kommentar dazu lautet schlicht: „Schweine sind Schweine, da gibt es kein ‚wir‘ und ‚die‘.“ Floras Mutter taucht gegen Ende tatsächlich wieder auf, wird aber auf der letzten Etappe auf dem Weg in die neue Siedlung beim Überqueren einer Straße von einem Wagen erfasst und tödlich verletzt. Dies und die Beschreibung der Zustände im Stall ganz zu Anfang sollte man berücksichtigen, bevor man das Buch vorliest oder verschenkt.

Ein paar kleine Fehler haben sich eingeschlichen, die die Geschichte aber nicht minder (vor)lesenswert machen. Nur der Vollständigkeit halber sei daher erwähnt, dass Wildschweine eben gerade keine Ringelschwänze haben, Schweine nicht schwitzen können und Schweine in Mastanlagen, insbesondere in solchen mit dem Ausmaß einer Flugzeughalle, nicht im Familienverband gehalten werden. Für die Entwicklung der Geschichte war dieser literarische Kniff wohl notwendig.

Rosa sucht ein Zuhause ist vieles in einem: Aufklärung über die Intensivhaltung von zur Mastschweinen, Aufklärung über die Mechanismen von Rassismus und Diskriminierung aufgrund von Äußerlichkeiten, Aufklärung über den Unsinn althergebrachter Überlieferungen; es ist aber auch eine Geschichte über den Wert von Freundschaft und Freiheit. Abgerundet wird das Ganze durch wunderschöne lebendige Kohlezeichnungen.

Die Autorin lebte übrigens lange Zeit mit ihrem Mann und einer Anzahl geretteter Tiere auf einem alten Fischerboot, wie die Kurzvita am Ende des Buchs verrät.

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