„Sie gehen hier spazieren?“

Bild: Studio Hamburg Enterprises/ZDF
Bild: Studio Hamburg Enterprises/ZDF

Halali oder der Schuss ins Brötchen (Regie: Joachim Roering, Studio Hamburg Enterprises, 2015, 95 Minuten)

Bei einer Treibjagd kommt es zu einem Jagdunfall – mit tödlichem Ausgang. Die so ins Visier der öffentlichen Wahrnehmung geratenen Grünröcke fahren in der Folge schweres Geschütz auf, um ihre Standesprivilegien zu verteidigen. Denn „der Jäger von heute ist in erster Linie Naturschützer“, wie es die gestandene Jägerin und PR-Verantwortliche ihrer Zunft Corinna von Sarau gegenüber der Presse formuliert.

Das gesamte Figurenarsenal ist großartig zusammengestellt:
die aufopferungsvolle Corinna, die sich um ihren Vater kümmert und ihre männlichen Kollegen zur Ordnung anhält; der Alte, Freiherr Friedemann von Sarau, leidet zunehmend an Demenz und körperlichen Gebrechen, was ihn jedoch nicht davon abhält, noch einmal einen kapitalen Hirsch schießen zu wollen – wie in der guten alten Zeit mit Hermann Göring & Co. Dann gibt es noch den cholerischen und von seiner Frau gehörnten Brahms, der dem Hundebesitzer und Jagdkritiker Brüderle entrüstet entgegenwirft: „Sie gehen hier spazieren?“ Zu ihnen gesellen sich ein Arzt mit Alkoholproblem (überhaupt wird selbstredend sehr viel getrunken), ein nervöser Jungjäger und der erfahrene Jagdaufseher Bethge, der vielleicht so etwas wie das Gewissen der Truppe, aber gleichzeitig abhängig von den anderen ist, da sie seinen Sold zahlen.

Die Dialoge dürften sich so oder ähnlich tatsächlich unter Jägern abspielen: „Wo Ruhezone dransteht, muss man immer damit rechnen, dass geschossen wird.“ Ja, was wollen Spaziergänger, Fahrradfahrer und Familien auch im Wald, womöglich noch mit Hund? Regisseur Roering liefert eine bitterböse Satire über die Freizeitmörder in Grün ab, die wohl nur noch von der Realität an Irrsinn übertroffen werden kann.

Produziert wurde der Film 1994 und verschwand nach erstmaliger Ausstrahlung auf Druck der Jäger und ihrer Büttel für lange Zeit im Archiv des ZDF. Zwanzig Jahre später gibt es ihn nun auf DVD, ohne HD und ohne Extras – aber bitte, wer braucht das auch, solange der Inhalt unschlagbar gut ist?

Einen ersten Eindruck vom Film bekommt man hier:

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