Tofuschnitzel statt Kalbsbraten

Bild: Polyband Medien
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Cowspiracy – Das Geheimnis der Nachhaltigkeit (Regie: Kip Andersen und Keegan Kuhn; Polyband Medien 2014; 86 Minuten)

Wie nett von Regisseur Kip Andersen, dass wir bei seinen brisanten Entdeckungen hautnah dabei sein dürfen: Der naive, aber smarte Sunnyboy stolpert über die (in der Tat verheerenden) Folgen der industriellen Tierproduktion für Natur, Umwelt und Klima und entdeckt – Überraschung! –, dass große Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace in erster Linie Wirtschaftsunternehmen sind, die um Spendengelder bangen müssen, wenn’s ums große Fressen geht und das Thema daher lieber nicht an die große Glocke hängen.

Die Informationen, die die mittels Crowdfunding produzierte Dokumentation bietet, sind weder geheim noch besonders schwer zu beschaffen, wie der Film suggeriert. Dass beim sogenannten Veredelungsprozess von Getreide in Fleisch und Milch Unmengen an Wasser und landwirtschaftlichen Flächen ge- und verbraucht werden, kann man nahezu wöchentlich in der Zeitung lesen. Zudem operieren die Regisseure Kip Andersen und Keegan Kuhn zum Teil mit Zahlen, die (bewusst?) übertrieben sind; so behaupten sie etwa, das Treibhauspotential von Methan sei 68mal größer als das von CO2 – tatsächlich ist es aber nur 25mal größer, wie der Weltklimarat der Vereinten Nationen angibt.

Da die beiden Dokumentarfilmer bei Greenpeace auch nach mehreren Monaten auf keinen grünen Zweig kommen, interviewen sie statt dessen unter anderen Vertreter der US-amerikanischen Fleischlobby und des Amts für Wasserressourcen in Kalifornien, die für Gentechnik beziehungsweise sparsame Toilettenspülungen werben. Witzig: Die Interviewten erkennen selbst nicht, wie grotesk ihre Aussagen anmuten.

Einige Umweltschützer kommen schließlich auch zu Wort, unter ihnen zwei Sea-Shepherd-Aktivistinnen. Als Gewährsleute Vertreterinnen einer aggressiv-militanten Meeresschutzorganisation anzuführen, die sich von der Rassistin Brigitte Bardot finanzieren lässt und deren Chef Paul Watson sich seiner Freiwilligenarmee gegenüber wie ein Diktator aufspielt und in Interviews gern seinen Menschenhass predigt, ist zumindest fragwürdig.

Was man der Dokumentation zugute halten muss: Die meisten Fakten sind richtig und überprüfbar. Sie produziert keine schrägen Holocaust-Vergleiche und zeigt kaum schwer erträgliche Szenen von gemarterten Tieren wie man sie in Shaun Monsons Schocker „Earthlings“ ertragen musste. Auch macht sie deutlich, dass die Art und Weise, wie Menschen andere Lebewesen zur Nahrungsmittelerzeugung benutzen, ein vollkommen irrsinniges Ausmaß angenommen hat und man schon um seiner eigenen Gesundheit willen lieber auf Tofuschnitzel umsteigen sollte.

Aber wen soll der Film überhaupt ansprechen? Besseresser wie Veganer lernen hier nichts Neues, werden höchstens erneut traumatisiert von der Szene einer Entenhausschlachtung, bei der der Durchschnittsmischköstler ohnehin abschaltet. Immerhin hat der Film es im Dezember vergangenen Jahres zu einer Vorführung im europäischen Parlament mit anschließender Podiumsdiskussion geschafft. Im besten Falle kündigt der eine oder andere Sofaumweltschützer seinen monatlichen Ablass bei Greenpeace oder dem WWF.

Dass man sich auch vom netten Bauern von nebenan besser fernhält, beweist die Aussage der Weiderindvermarkterin Domiga Markegard: „Ich liebe Tiere – und darum arbeite ich in der Fleischbranche.“

Die Rezension ist zuerst erschienen auf konkret-magazin.de.

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