Prinzessin sein ist doof

Bild: Oetinger
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Cornelia Funke: Prinzessin Isabella. Illustriert von Kerstin Meyer (Oetinger, Hamburg 2007, 32 Seiten, € 12,-, ab 4 Jahren)

Alte Könige, verwunschene Prinzen, niedliche Prinzessinnen, böse Hexen – wer kennt sie nicht, die typischen Märchenfiguren. Und das Typische ist leider auch das Fatale an solchen Figuren, die heute wieder en masse reproduziert werden. Die Prinzessinnen des 21. Jahrhunderts leben in einer rosaroten Glitzerwelt, in der Schönheitswettbewerbe für Pferde ausgetragen und Kostümpartys veranstaltet werden und das einzige Abenteuer darin besteht, süße Einhörner zu retten. Die gesamte Aufmachung der Bücher schreit: Nur für Mädchen! Bin ich altmodisch oder hatte ich einfach Glück, in den 80ern Kind sein zu dürfen, als es gerade darum ging, die alten Rollenstereotype der 50er und 60er zu durchbrechen und Kinder einfach Kinder sein zu lassen, ganz egal ob Junge oder Mädchen? Dabei sind die Geschichten selbst noch nicht einmal das Schlimmste, denn die Prinzessinnen handeln durchaus aktiv und sind nicht nur stille Objekte männlicher Rettungsphantasien wie in vielen der bekannten deutschen Märchen nach den Brüdern Grimm.

Bild: Dr. Oetker
Bild: Dr. Oetker

Dennoch ist Kritik angebracht, denn um Prinzessin Lillifee, die Disney Princesses & Co. formiert sich eine gewaltige Werbe- und Vermarktungsindustrie, die Puppenhäuser, Schminksets und Haarspängchen loswerden muss. Was sollen Fünfjährige mit einem Beauty Case? Mädchen werden mit solchen Artikeln heruntergestuft und auf ein sehr enges Rollenbild fixiert. Toben, sich dreckig machen, auf Bäume klettern, im Wald spielen? Nicht vorgesehen. Bezeichnenderweise gibt es aus dem Hause Oetker eine Muffin-Backmischung mit Lillifee-Motiv, damit auch wirklich klar ist, wo Mädchen hingehören. Passend dazu findet sich auch noch ein Prinzessinnentortenständer. Geht’s noch?

Die neuere Märchenforschung hat festgestellt, dass Kinder sich durchaus unabhängig vom Geschlecht mit den Protagonistinnen und Protagonisten von Texten identifizieren. Die inzwischen von mehreren Verlagen offensiv betriebene Ausgrenzungspolitik von Jungen aus „Mädchensphären“ und umgekehrt ist grundverkehrt und diskriminierend für beide Geschlechter. Zum Glück gibt es einige Autorinnen und Autoren, die bei diesem Backlash nicht mitmachen und bewusst alternative Rollen anbieten, die auch dazu anregen, über Konventionen und Traditionen nachzudenken und diese zu diskutieren. Cornelia Funke kann man eindeutig dazuzählen.

Die Geschichte

Cornelia Funke spielt in ihren Kinderbüchern elegant mit Stereotypien – nach den Piratengeschichten um Käpten Knitterbart und seine chaotische Bande folgt mit Prinzessin Isabella eine fantastische Geschichte über eine kleine Prinzessin, die das Prinzessinsein gehörig satt hat. Und wer will’s ihr verübeln, von morgens bis abends Hofknickse üben, ordentlich auf dem Thron stillsitzen und sich niemals dreckig machen dürfen – das macht doch keinen Spaß! Und so wirft Isabella eines Morgens – zack! – ihre Krone einfach aus dem Fenster in den Goldfischteich. Ihre Schwestern Drusilla und Rosalinda verstehen nicht, was in Isabella gefahren ist; die Eltern natürlich auch nicht, und die Antwort des Königs auf das ungehörige Verhalten seiner widerspenstigen jüngsten Tochter heißt ab in die Küche, Abwaschen, Kartoffeln schälen und Töpfe polieren. (Hühner rupft sie leider auch, also Vorsicht, vegane Eltern!) Die Aktion hat nicht den vom Vater gewünschten Effekt, Isabella ist glücklich, wenn sie nach Zwiebeln stinkt. Zur Strafe wird sie dann auch noch in den Schweinestall geschickt. Dort gefällt es Isabella noch viel besser, sie mistet freudig aus, freundet sich mit den intelligenten Tieren an und krault ihre Borsten. Der König zitiert Isabella aufs Neue zu sich und echauffiert sich über ihr Aussehen, die Schwestern rümpfen die königlichen Näschen über Isabellas neuerlichen Gestank. Wie schon in der Küche hat Isabella auch bei den Schweinen eine Menge gelernt, nämlich, dass sie Kartoffeln mögen, „schrecklich klug“ und vor allem „viel zu schade zum Schlachten“ sind.

Am Ende fischt der König die Krone seiner Tochter selbst aus dem Teich und stattet ihr einen Versöhnungsbesuch im Schweinestall ab, denn er vermisst sie. Die beiden einigen sich darauf, dass Isabella die Krone ja beim Brombeerpflücken aufsetzen kann. Dass man aus Brombeeren Marmelade kochen kann, wusste der König auch nicht, aber zum Glück hat er ja so eine schlaue kleine Tochter, die sich für alles außer Prinzessinsein interessiert und ihrem alten Königspapa noch was beibringen kann. Cornelia Funke illustriert mit dieser Geschichte auf leichte und amüsante Art, dass ein Leben ohne richtige Aufgabe nicht erstrebenswert ist, dass Kinder die Welt um sie herum entdecken und erkunden und vor allem aktiv daran teilhaben wollen. Und am Ende sollte allen klar sein: Prinzessin sein ist doof, Schweine kraulen ist toll!

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