Leben und Wirken Fritz Bauers – ein Film über die Auschwitz-Prozesse und eine Biographie über den Mann, der sie ermöglichte

Bild: Universal Pictures Germany
Bild: Universal Pictures Germany

Im Labyrinth des Schweigens (Regie: Giulio Ricciarelli; mit Alexander Fehling und André Szymanski; Deutschland 2014 (Universal); 123 Minuten; seit 6. November im Kino)

Ronen Steinke: Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht (Piper-Verlag 2013, 352 Seiten, € 22,99)

Ich hatte es ja schon angekündigt – hier soll auch Raum für Themen ohne vegan-Bezug sein. Da ich neulich mit Freunden im Kino war, um den kürzlich gestarteten Film „Labyrinth des Schweigens“ zu sehen und davon gelinde gesagt nicht begeistert war, nehme ich ihn heute zum Anlass für eine Kritik und einen Blick in die aktuelle Biographie über Fritz Bauer von Ronen Steinke.

„Im Labyrinth des Schweigens“ ist ein deutscher Film – von Deutschen, für Deutsche, und er handelt vor allem von deutschen Befindlichkeiten: Wir haben von nichts gewusst (die Bevölkerung), wir finden diese Verbrechen ganz grauenhaft (Staatsanwalt Radmann nebst Sekretärin „Schmittchen“), wir haben nichts gemacht (die älteren Kollegen am Landgericht in Frankfurt), wir wollen davon nichts mehr wissen (die Bevölkerung). Die Juden bleiben die Anderen, die Stigmatisierten, die Opfer.

Als Identifikationsfigur muss ein fiktiver junger Staatsanwalt (eben jener Johann Radmann) herhalten, der mit dümmlicher Naivität brilliert, mit geradezu pathologischem Zwang Josef Mengele hinterherjagt und nicht versteht, worum es dem damaligen Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer bei der Vorbereitung der Auschwitz-Prozesse Anfang der 1960er Jahre geht: nicht um die einzelne, wenn auch noch so widerliche Nazi-Gestalt, sondern um das ideologisch begründete fabrikmäßige Mordsystem, das möglichst effizient möglichst viele Menschen vernichten sollte.

Neben der ebenso obligatorischen wie überflüssigen Liebesgeschichte zeichnet der Film sich durch ein unvorteilhaftes Verständnis künstlerischer Freiheit aus, wenn er behauptet, Bauer sei so dumm gewesen, Agenten des Mossad direkt in seiner Wohnung zu empfangen um über die Ergreifung Adolf Eichmanns in Südamerika zu beraten.

Am Ende hat nicht nur Radmanns (Ex)Freundin Marlene sein zerrissenes Jackett geflickt, nein, auch die Deutschen haben ihre Vergangenheit geflickt und man versöhnt sich mit der eigenen Geschichte. Was dem Film trotz seiner Schwächen zugute gehalten werden muss, ist, dass er die starken Verstrickungen innerhalb des neuen alten Staatsapparats und eben in der Strafjustiz beleuchtet – nach 1946 gab es, nach durchlaufenem Entnazifizierungsverfahren, für Juristen, die für den NS-Staat Dienst getan hatten, keine Beschränkungen mehr für die Wiederaufnahme in den Staatsdienst.

bauerMit welcher Diskretion und Vorsicht Fritz Bauer damals tatsächlich im Hintergrund an den Strippen zog, lässt sich in der hervorragend recherchierten Biographie Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht von Ronen Steinke nachlesen, die mit unerwartet vielen neuen Quellen aufwarten kann und sich zudem durch eine ebenso feinfühlige wie angenehm lesbare Sprache auszeichnet.

Aber Steinke leistet noch viel mehr. Er zeichnet ein Leben nach, das durch Konsequenz, hohe moralische Werte, Hartnäckigkeit und Entschlossenheit gekennzeichnet war. Daneben begegnen wir in der Figur Bauer aber auch dem Bruch mit alten Ansichten (in späten Jahren verwirft er die Thesen seiner Doktorarbeit und zerreißt diese) und – am Ende seines Lebens – einer Niedergeschlagenheit und Müdigkeit – doch vor allem einem: Einsamkeit.

Der 1903 geborene Sohn jüdischer Eltern wächst mit seiner Schwester Margot in Süddeutschland auf, besucht das Gymnasium und schließt sich bereits zu Anfang des Jurastudiums einer liberalen und von Juden frequentierten Studentenverbindung an, in der er sogleich seine Redegewandtheit unter Beweis stellt. Es folgt eine zunächst gut anlaufende Karriere, doch 1933, mit der Machtübernahme der Nazis, ändert sich für Fritz Bauer alles. Er erlebt die Gleichschaltung der Justiz und wird aufgrund seiner Tätigkeit für die SPD, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sowie den Republikanischen Richterbund, zu dessen Mitgründern er zählte, selbst verhaftet; Bauer verbringt mehrere Monate im KZ Heuberg. 1936 gelingt zunächst die Flucht nach Dänemark, 1943 kann er sich in allerletzter Minute ins neutrale Schweden absetzen. Im Exil ist er nicht untätig, veröffentlicht in der fremden Sprache mehrere Bücher und Artikel und tauscht sich mit Willy Brandt und anderen Exil-Deutschen aus. Bauer ist Humanist und Atheist, er sieht sich selbst nicht mehr als Juden an, die metaphysischen Aspekte der Religion(en) sind ihm schon lange fremd geworden, sein Interesse gilt allerdings den Geschichten der Bibel und der Figur des Pazifisten Jesus, aus beidem wird er später Argumentationspotential schöpfen.

Die einzige Spielkameradin in der Kindheit war Fritz Bauers Schwester, im Studium erfährt Bauer Rückhalt unter seinen Verbindungsbrüdern. Die Länder, in denen er während des Exils lebt, bleiben ihm fremd, ebenso die Menschen dort. Die Scheinehe, geschlossen zum immerhin kurzzeitigen Schutz vor Verfolgung, bleibt beiderseits kühl. Die Familie der Schwester bleibt in Schweden. Und nach dem Krieg, zurück in Deutschland, zurück in der deutschen Justiz, wurde Bauer nach einigen Mühen (einige wenige Freunde aus der Zeit der ersten deutschen Republik trifft er im neuen Staat wieder) zunächst Generalstaatsanwalt in Braunschweig, anschließend in Frankfurt, wo er die Prozesse anstrengte, die als Auschwitz-Prozesse in die Geschichte eingehen sollten und das jahrelange Schweigen der deutschen Gesellschaft aufbrachen. Um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, er führe lediglich einen privaten Rachefeldzug gegen das deutsche Volk, unterhielt Bauer keinerlei private Kontakte zu anderen Juden, er verkehrte lediglich beruflich mit Simon Wiesenthal und war auch mit Max Horkheimer und Theodor W. Adorno bekannt; letzterer organisierte die Beerdigung für den Freund, der sich selbst nicht als solchen betrachten wollte oder konnte. Persönliche Nähe ließ Fritz Bauer nur selten zu.

Das Wichtigste war ihm die Aufklärung der Jugend. Hier sah er Hoffnung, dass die nachkommende Generation aus dem Geschehenen lernen werde, dass sie eine andere Gesellschaft, eine Gesellschaft frei denkender Individuen errichten würden, die Nein sagen, wenn Unrecht geschieht: „Man hat völlig übersehen, dass es ehrenhaft ist, dass es Pflicht ist, auch in seinem eigenen Staat für das Recht zu sorgen. Deswegen ist es das A und O dieser Prozesse zu sagen: Ihr hättet Nein sagen müssen.“ Und so führte Fritz Bauer mit einem Kreis vor allem junger Männer rege Diskussionen politischer Natur, hielt Vorträge und ließ sich von Schülerzeitungsredakteuren interviewen, die später begeistert erklärten, dass der große Generalstaatsanwalt sich auf einer Ebene mit ihnen unterhalten und „jede noch so dumme Frage“ beantwortet habe.

Fritz Bauer starb kurz vor seinem 65. Geburtstag in seiner Wohnung in Frankfurt. Da sein plötzlicher Tod Mutmaßungen und Verschwörungstheorien Vorschub leistete, ordnete Bauers Stellvertreter Ulrich Krüger umgehend eine gerichtsmedizinische Untersuchung an. Das Ergebnis: Fremdeinwirkung ausgeschlossen. In Fritz Bauers einsamem Tod spiegelt sich die Tragik seines Lebens – er, der eloquente Redner, der Kämpfer für Moral und Gerechtigkeit, der Journalisten für sich und seine Sache zu gewinnen wusste, von vielen bewundert, von anderen gehasst, er war doch meistens allein. Die Arbeit, die stete Bereitschaft, der unermüdliche Kampf müssen auf Dauer nicht nur psychisch belastend gewesen sein. Alkohol- und Tabakkonsum mögen ihr übriges getan haben, dass das Herz Fritz Bauers aufhörte zu schlagen.

Dass diejenigen, die von Auschwitz nichts wussten und später nichts mehr davon wissen wollten, dann doch zumindest für einen Augenblick hinschauen mussten, ist der Hartnäckigkeit und der medienwirksamen Strategie Fritz Bauers, einem kleinen engagierten Kreis junger (und daher unbelasteter) Staatsanwälte sowie dem einen oder anderen Zufall geschuldet. Ronen Steinkes Biographie macht vertraut mit der Arbeitsweise Bauers sowie dem humanistischen Ideal, das er zeitlebens verfolgte. Vor allem aber schließt sie viele Lücken und bringt uns den Menschen Fritz Bauer näher.

Der Trailer zum Film:

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