Spuren ins Jetzt: Hedwig Dohm – eine Biographie

Isabel Rohner: Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm – eine Biographie. Helmer, Roßdorf 2010, 160 Seiten, € 20,-

Der Frage, wer eigentlich Hedwig Dohm war, widmet sich die aktuelle Biographie der Literaturwissenschaftlerin und Mitherausgeberin der Edition Hedwig Dohm, Isabel Rohner.

Zu Recht verdient Rohner den Preis für die erste wirkliche Biographie über Hedwig Dohm, denn sie lässt sich nicht dazu hinreißen, das fiktive Werk einer Radikalen der ersten deutschen Frauenbewegung mit dem Leben der Person Dohm zu verwechseln und zu vermengen. Das erfreuliche Ergebnis ist eine kenntnisreiche Annäherung an eine faszinierende Frau, die als eine der ersten bereits 1873 für die totale politische Gleichstellung der Frau eintrat und vehement aktives und passives Wahlrecht für sich und ihre Geschlechtsgenossinnen forderte.

Darüber hinaus sah sie die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen als notwendig an, da sie ansonsten niemals frei vom Mann als Versorger sein würden. Welche Rechte auch immer sie erkämpften, sie blieben lediglich Stückwerk, da die Grundvoraussetzung wahrer Gleichheit eine unbedingte materielle Eigenständigkeit sein müsse. Dohms Werk ist bestimmt von dieser Erkenntnis: Sowohl in ihren wissenschaftlichen Essays als auch in ihren Romanen und Erzählungen geht es um die Emanzipation der Frau weg von der Gefangenschaft in der Rolle als Ehefrau und (Nur-)Mutter hin zu einer selbständigen Frau, die sich ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten bewusst ist und diese beruflich wie privat für sich zu nutzen weiß.

Rohner gelingt es, das Dohm-Bild, das bis heute in weiten Teilen der Forschung vorherrscht, geradezurücken, biographische Lücken zu schließen, gleichzeitig jedoch auch neue aufzuzeigen. Denn vieles, was als „Tatsache“ über die Autorin gehandelt worden ist, sind Fehldeutungen, die aus der fatalen Gleichsetzung des Lebens der Autorin mit ihrem Erzählwerk resultieren. Rohner hat sich bereits in ihrer bedauerlicherweise vergriffenen Dissertation In litteris veritas. Hedwig Dohm und die Problematik der fiktiven Biographie mit diesem in der Frauenforschung nicht unbekannten Problem auseinandergesetzt und setzt mit der Biographie diese Arbeit adäquat fort. Aus Briefwechseln, Dokumenten der Töchter und des Ehemannes erschafft sie ein ganz neues Bild der angeblich so publikumsscheuen und zurückgezogenen Frauenrechtsaktivistin. Weder Hedwig Dohm selbst noch ihre Verwandten und Freunde sahen die Notwendigkeit einer Bewahrung und Archivierung ihres Schaffens. Daher erfreut es um so mehr, wie viel Rohner doch aus verstreuten Archiven, von verstaubten Dachböden und über etliche Querverbindungen zusammentragen und herausfinden konnte. Rohner versteht es, aus den wenigen vorhandenen Quellen das Leben einer Frau zu rekonstruieren, die nicht nur wichtiger Teil der Frauenbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts war, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Rolle in den deutsch-jüdischen Berliner Salons spielte. Eine Frau, die mit ihren Schriften provozierte, aneckte und begeisterte.

Das Ganze tat sie in einer Sprache, die mal vor Ironie trieft, die häufig bild- und beispielreich ist und scharfsichtig-analytisch Wahrheiten zutage fördert, die ganze Weltbilder (angefangen beim androzentrischen) zerstören können. Besonders die sogenannte „Natur“ der Frau (von den Antifeministen ihrer Zeit gern der angeblichen „Kultur“ des Mannes entgegengesetzt) war ihr ein Ärgernis. Sie setzte sich in ihren Texten quasi-dialogisch mit bekannten Medizinern ihrer Zeit auseinander, wie etwa Paul Julius Möbius mit seiner Abhandlung „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“. Auch das Frauenbild des von ihr eigentlich verehrten Philosophen Friedrich Nietzsche nahm sie Schritt für Schritt auseinander und führte es ad absurdum, indem sie die Widersprüche in dem Begriff „Weib“ mit Polemik und intelligentem Esprit als das entlarvte, was er ist: ein Konstrukt. Ein Konstrukt, das allein zur Unterdrückung der Frau diente. Eine „natürliche“ Verschiedenheit der Geschlechter gibt es nicht und auch der Mann ist schließlich ein gesellschaftlich geprägtes Rollenbild. Und so kann eines ihrer bekanntesten Zitate heute noch höchste Aktualität für sich beanspruchen: „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht.“

Der Text ist zuerst bei Mädchenmannschaft erschienen.

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