Einblicke in die Abgründe der Reiterszene

Bild: Reichel-Verlag
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Larissa Hartkopf: Was Sie über Reitsport und Turnierpferde wissen sollten. Aussteiger decken auf (Reichel-Verlag, Regensburg 2014, 141 Seiten, € 14,95)

Larissa Hartkopfs Biographie beginnt wie der Traum vieler Mädchen: In sehr jungen Jahren erhält sie Kontakt zu Pferden, die Eltern setzen Hoffnungen in die Fähigkeiten und Leistungen der Tochter, fördern und fordern, teure Reitlehrer und Pferde müssen her, Siegerabzeichen werden gesammelt. In Hartkopfs Welt dreht sich alles um das Pferd, naheliegend und konsequent beschließt sie, auch beruflich im Reitergewerbe Fuß zu fassen. Das Studium der Pferdewissenschaften bricht sie allerdings nach zwei Semestern ab; um mehr Praxisnähe zu erhalten wechselt sie zum Ausbildungsberuf der Pferdewirtin.

Doch während der Ausbildung, eigentlich auch schon im Laufe des vorangegangenen Studiums, wachsen bei der jungen Reiterin die Zweifel an der Richtigkeit dessen, was sie da lernen und umsetzen soll. Die Trainingsmethoden, die sie erlebt und selbst anwenden soll, sind selten einfühlsam, sondern zeichnen sich durch Zwang, Brutalität und Verachtung gegenüber dem Lebewesen Pferd aus. Ja, dass Pferde in erster Linie lebendige Wesen sind, die arttypische und individuelle Bedürfnisse haben, das scheinen viele Reiter, Pferdebesitzer, Trainer und Sponsoren schon längst vergessen zu haben. Sie sehen im Pferd noch nicht mal mehr den „Partner“, den zumindest Freizeitreiter noch aus der Euphemismenschublade hervorholen, um ihr Bedürfnis zu rechtfertigen, sich von jemand anders durch die Gegend tragen zu lassen. Für die Profireitsportler ist das Pferd so etwas Ähnliches wie ein Auto: Man tut Wasser, Heu und Kraftfutter hinein, und die Maschine Pferd funktioniert. Reparaturen und Tuning-Maßnahmen werden vorgenommen, allerdings nur, solange sie erfolgversprechend sind und das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt: leistungssteigernde (Doping-)Mittelchen, Schmerzstiller oder Schmerzverursacher – je nachdem, was gerade gebraucht wird. Hat die sportliche Hochleistungsmaschine ausgedient, wird sie abgeschoben und durch ein neueres Modell ersetzt, wobei dem Schrottplatz fürs Auto beim Pferd in nicht wenigen Fällen der Schlachthof gleichkommt.

Der Traum, mit Pferden zu arbeiten und selbst vielleicht auch einmal auf einem Siegertreppchen stehen zu können, war für Larissa Hartkopf bald ausgeträumt. Sie brachte den Mut auf, ihre eigenen Scheuklappen abzustreifen und einen unverstellten Blick auf die Szene zu werfen, in der sie groß geworden war, die sie als ihre Heimat betrachtete. Ihre Erlebnisse und Erfahrungen in verschiedenen Reitställen und bei unterschiedlichen Lehrern, Besitzern und Kollegen stehen beispielhaft für eine selbsternannte Elite, die auf Macht, Geld und Prestige spekuliert und dabei wortwörtlich über Leichen geht.

Im zweiten Teil des Buchs widmet sich Hartkopf der esoterischen Tierkommunikation. Die sogenannten „Durchsagen“ „von Aviolas übergeordnete[m] Pferdebewusstsein“ und „vom Pferde-Kollektivgeist“ sowie die „Mitteilungen des Dressurpferdes D.“ lesen sich etwas holprig und erinnern ein bisschen an Astro-TV. Ein Artikel in dem – sicher auch mit Vorsicht zu genießenden – Reitermagazin Cavallo verdeutlicht, wie durch solche Fern-Telepathiesitzungen teils absurde, aber auch gefährliche Ratschläge erteilt werden, worin der Erfolg dieses Geschäftsmodells besteht und wie es funktioniert. Wolfgang Settekorn, Sprachwissenschaftler an der Universität Hamburg, nimmt diese Tierkommunikation in einem Online-Beitrag ebenfalls kritisch unter die Lupe. Es mag zwar dort, wo die Schulmedizin versagt, erst einmal nichts gegen alternative Therapiemöglichkeiten sprechen, doch Diagnosen allein aufgrund eines Fotos des betreffenden Tiers sind mehr als zweifelhaft.

Mit Spannung sind allerdings die Interviews im dritten Teil des Buchs zu lesen. Hier kommen unter anderem Aussteiger zu Wort, die selbst teils jahrzehntelang in der Reitsportszene tätig waren und diese sehr genau von innen kennen. Bis auf eine ehemalige Sponsorin „outen“ sich alle Interviewten mit Namen und verleihen den Berichten Authentizität. Die Interviews belegen nicht nur die vorangehenden Ausführungen der Autorin, sondern zeigen auch ganz deutlich: ein anderer Umgang mit Pferden ist möglich und dringend nötig. Wir müssen wieder lernen zu erkennen, was sie wirklich sind: fühlende Lebewesen, die nicht zu unserem Gebrauch auf der Welt sind, sondern allein um ihrer selbst willen.

Für eine Erstveröffentlichung ist Hartkopfs Reitsportkritik ein gelungenes Werk, vor allem das erste und dritte Kapitel führen vor Augen, wie es in der geldschweren Reiterszene zugeht, mit welchen Tricks und harten Bandagen um Siege und Medaillen gekämpft wird. Was fehlt, um es dem interessierten Laien leichter zu machen (was ja in der Einleitung als Ziel der Autorin genannt wird), ist ein kleines Begriffsglossar – wer nicht mit den Begrifflichkeiten der Szene vertraut ist, wird sich unter M-Dressur, den Berufen Bereiter*in und Pferdewirt*in, dem sogenannten Barren (einer schmerzhaften und umstrittenen Trainingsmethode) oder der häufig auftretenden Verhaltensstörung des Koppens wenig vorstellen können. Das Vorwort zum Buch liefert Maksida Vogt, selbst Reit-Aussteigerin und versierte Kritikerin des Reitsports.

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2 Gedanken zu “Einblicke in die Abgründe der Reiterszene

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