Anekdotisches Kuh-Allerlei mit einer gehörigen Portion Zynismus

Bild: Nagel und Kimche
Bild: Nagel und Kimche

Florian Werner: Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung (Nagel und Kimche, Zürich 2009, 240 Seiten, € 19,90)

Florian Werner nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise auf den Spuren der Domestikation der Kuh – nicht des Rindes, denn der Autor erklärt, dass die Kuh eine wesentlich wichtigere Rolle bei der menschlichen Sesshaftwerdung und der Entstehung von Hochkulturen gespielt habe als ihre männlichen Kollegen. Daneben betrachtet er u.a. die Kuh als Lebensspenderin und nährende Mutter in der Mythologie, zeigt die etymologische Entwicklung am Beispiel des englischen cattle und capital und zitiert zahlreiche Dichter und Denker, die sich literarisch mit der Kuh beschäftigt haben. Auch wie es durch die Jahrhunderte im westlichen Kulturraum, besonders mit der Verbreitung des Christentums, dazu kam, die Kuh als dumm, träge, mitunter sogar teuflisch einzustufen, erläutert der Autor ausführlich. Man lernt einiges über Herkunft und soziale Bedeutung der Kuh. Ein paar Anekdoten dürfen in so einem Buch natürlich auch nicht fehlen. So bezieht Werner sich auf eine der vielen Cow Parades. Diese lebensgroßen, meist von B- und C-Künstler*innen bepinselten Kunststoffkühe konnte man schon in vielen Fußgängerzonen bewundern. Einmal wurde der durch seine surrealistischen Filme und Thriller bekannt gewordene Regisseur und Maler David Lynch gebeten, ebenfalls eine dieser Kühe zu gestalten. Was er einreichte, gefiel den Verantwortlichen jedoch überhaupt nicht und diese wohl ehrlichste Kunst-Kuh, der er den Kopf abgeschlagen und Gabeln und Messer in ihren Leib gerammt hatte, durfte sich nicht in einer der Einkaufsstraßen New Yorks zeigen. Werner zeigt Empathie für die Kuh, wenn er Detlev Bucks Kurzfilm „Schwarzbunt Märchen“ analysiert, in dem eine Herde Milchkühe das erste Mal nach dem Winter wieder auf die Weide kommt und sichtlich Freude über die wiedergewonnene Freiheit empfindet. Am Ende steht aber doch der Elektrozaun, der ihrer „Freiheit“ ein klares Ende setzt.

Allerdings ist das Verhältnis des Autors zu seiner Hauptfigur ausgesprochen gespalten. Auf der einen Seite scheint Werner durchaus etwas für sie übrig zu haben, doch er stellt nicht in Frage, dass und wie Kühe von Menschen ausgenutzt werden. Auch Zoophilie scheint er nicht weiter schlimm zu finden, solange der Kuh dabei keine Schmerzen zugefügt werden. Und Melkmaschinen – die arbeiten doch sehr „kuhschonend“!

Einige Fehler hat sich der Autor auch geleistet: Aus dem „blutigen“ Steak fließt kein Blut, sondern Myoglobin, ein Muskelfarbstoff. Werner behauptet außerdem, Milch sei gesund und schütze gegen Osteoporose, Bluthochdruck und Übergewicht und liefere Calcium für die Knochen. Zumindest letzteres ist diversen aktuellen Untersuchungen zufolge schlicht falsch, im Gegenteil: Der Genuss von Kuhmilch bewirkt das Austreten von Calcium aus den Knochen, um den ebenfalls reichlich in der Milch enthaltenen Phosphor zu neutralisieren. Was viele nicht wissen: Gesunde Knochen brauchen neben Calcium auch viel Bewegung und ausreichend Vitamin D. Und was die genannten Krankheiten betrifft: Das Gegenteil ist wahrscheinlicher, wenn auch kein monokausaler Zusammenhang zwischen dem Konsum von Milchprodukten und z.B. Übergewicht besteht.

Geradezu zynisch klingt die Aussage Werners, die Kuh hätte „sich für das Leben“ entschieden, indem sie sich vom Menschen versklaven ließ, denn: Nur indem sie sich vom Menschen domestizieren ließen, „konnten sie zur am weitesten verbreiteten und zahlenmäßig stärksten Großsäugerrasse der Welt aufsteigen. Sie gingen (…) um den Preis ihrer Freiheit eine Symbiose mit dem Menschen ein und waren so vor den Gefahren und Beschwerlichkeiten eines Lebens in freier Wildbahn geschützt.“ Was die einzelne Kuh davon hat, dass ihre Spezies nahezu auf der ganzen Welt zu finden ist und ebenso nahezu auf der ganzen Welt ausgebeutet wird, verrät Werner leider nicht.

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