Lauter Goldstücke

Bild: C. H. Beck
Bild: C. H. Beck

Hilal Sezgins Tierleben. Von Schweinen und anderen Zeitgenossen. Illustriert von Rotraut Susanne Berner (C. H. Beck, München 2014, 176 Seiten, € 14,95)

Hilal Sezgin schafft es in ihren Tierkolumnen, die Absurditäten, Dilemmata und gar nicht so alltäglichen Alltäglichkeiten in unserem Umgang mit Tieren zu zeigen. Dabei nimmt sie sich selbst selten aus – sie schreibt vom Wir, und nicht: ich gegen die anderen. Das macht sympathisch und nimmt die Angst.

Ja, welche Angst eigentlich? Sezgin ist sicher niemand, der seinem Gegenüber eine entsicherte Waffe an die Schläfe hält, bis dieser sich endlich veganisieren lässt (von wegen militante Veganer). Also – was passiert mit uns, wenn wir hören, dass jemand Hunderte Kilometer und Strapazen auf sich nimmt, um ein Huhn zur Spezialklinik zu fahren, um es dort tierärztlich versorgen zu lassen? Warum finden wir es seltsam, wenn Schafe einfach nur Schaf sein und alt werden dürfen (müssen!), statt als „Osterlamm“ in früher Jugend getötet zu werden? Es ist die Angst, dass uns hier etwas Elementares weggenommen werden soll. Es sind die Gewohnheiten, Traditionen, all das Unhinterfragte, mit dem wir aufgewachsen sind und was wir als normal, ja: konstituierend betrachten. Dass eine anonyme Legehenne nun dasselbe Lebensrecht wie das Familienmitglied Hund haben soll, ja gar wie wir Menschen selbst, halten wir also zunächst mal für eine recht absurde Idee. Denn sind Hühner nicht dazu da, um Eier zu legen? Halten wir Schafe nicht wegen ihrer Wolle? Ja, das ist so, das machen wir so. Aber muss es so sein, müssen wir das tun? Das Tier lebt zuallererst einmal um seiner selbst willen und ist ein Zweck an sich. Es muss keinen wie auch immer gearteten Nutzen für uns Menschen haben. Diese Erkenntnis tut weh und erschreckt vielleicht, denn in der Konsequenz bedeutet sie, dass wir unser Leben ändern müssen. Aber auch ein Gewohnheitstier wie der Mensch kann Neues ausprobieren, sich weiterentwickeln. Das haben wir im Übrigen ständig getan und auch unsere Beziehung zum Tier hat sich über die Zeit entwickelt und verändert. Wieso also sollte man nicht versuchen, hier einmal einen anderen Blickwinkel einzunehmen und statt zu fragen, was kann das Tier für mich tun, die Augen zu öffnen und zu sehen, was ist es, was das Tier in seinem Inneren ausmacht – sei das nun die Biene im Garten, das Schwein im Stall oder die Katze auf der Couch. Hilal Sezgin hilft uns dabei, sie zeigt uns: Hier, das tun wir unseren „Nutztieren“ tagtäglich millionenfach an. Finden wir das gut? Können wir das rechtfertigen? Wollen wir das? Oder ist es nicht an der Zeit, umzudenken, Gewohntes zu hinterfragen und zu überwinden? Das muss dann gar nichts mit Verzicht zu tun haben, sondern wird in den allermeisten Fällen unser Leben bereichern.

Jeder der Texte dieser Sammlung ist ein Goldstück für sich. Und keine Sorge, nicht jeder davon zeichnet Bilder aus unseren modernen Mast- und Schlachtanlagen. Anekdoten und Geschichten von den Butenländern: dem aufmerksamkeitheischenden Schwein Prinz Lui, dem knallverrückten Huhn Favechen und Henne Hanni, die es trotz weggezüchteten Bruttriebs schaffte, ihr Küken aufzuziehen, finden sich ebenso wie Einblicke in das Zusammensein und Zusammenleben der Autorin mit ihrer Herde von Schafen und dem alten Gänsepaar. Authentisch und persönlich schildert Sezgin ihre Erlebnisse und lässt uns teilhaben an den kleinen und großen Momenten, die ein Leben mit Tieren und für Tiere ausmachen. Abgerundet wird das Ganze mit wunderbaren Illustrationen von Rotraut Susanne Berner.

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