Keine glücklichen Kühe

Bild: Nietsch-Verlag
Bild: Nietsch-Verlag

John Robbins: Letzter Ausweg vegan. Warum wir jetzt eine Ernährungsrevolution brauchen, um unsere Zukunft zu bewahren (Nietsch-Verlag, Emmendingen 2013, 206 Seiten, € 17,90)

Das neue Buch des US-amerikanischen Kritikers der Lebensmittelindustrie trägt im Original den Titel No Happy Cows. Warum es im Deutschen unbedingt Letzter Ausweg vegan heißen muss, ist nicht ganz klar. Zum Inhalt passt der Titel nicht so richtig. Das Buch enthält eine Auswahl von Texten, die im Rahmen von Robbins‘ Kolumne in der Online-Publikation Huffington Post erschienen sind, sowie zwei Veröffentlichungen aus vorangegangenen Büchern und einige für diesen Sammelband neu verfasste Texte. Da es bei der Tierproduktion in den USA und der in der EU ein paar Unterschiede gibt, hat der Verlag an einigen Stellen erläuternde Hinweise zur Situation in Europa ergänzt.

Robbins vertritt den Tierschutzgedanken, ihm geht es vor allem um eine etwas moralischere, etwas ethischere Form der Tiernutzung. An mehreren Stellen weist er ausführlich auf etwas nettere Ausbeutungsformen hin und gibt Tipps, wo Eier, Milch und Fleisch von „glücklicheren Tieren“ erhältlich seien. Er spricht zwar auch häufig von den Vorteilen einer „überwiegend pflanzlichen“ oder „pflanzenbasierten“ Ernährung, doch die seitenlangen Tipps zum Erkennen von Happy-Meat-Produkten & Co. (die, wie Robbins betont, auch noch gesünder und schmackhafter seien als konventionell produzierte) wirken ziemlich absurd in diesem Zusammenhang. Auch fehlt leider eine eindeutige Definition der Begriffe ‚vegan‘ und ‚vegetarisch‘. Denn an diversen Punkten fragt man sich, welches von beidem gerade gemeint sein könnte. Robbins benutzt durchgängig ‚vegetarisch‘, meint aber vermutlich in mehreren Fällen eigentlich ‚vegan‘.

Laut Robbins ist die Realität des Leidens in der Tierhaltung in der EU weniger schlimm (wie auch immer man das überhaupt messen will) als in den USA, etwa, weil es hier offiziell keine Käfighaltung bei Legehennen mehr gibt. Zum einen: Aus der Käfighaltung ist die sogenannte Kleingruppenhaltung in „Volieren“ geworden. Diese Volieren sind ein bisschen größer als die alten Käfige, sind mit einer Plastikmatte zum Scharren und einer Sitzstange ausgestattet. Der einzige Sinn und Zweck dieser als „innovativ“ deklarierten Haltung ist es, dem Konsumenten ein besseres Gewissen zu verschaffen. Und zum zweiten: Das Know-how für die alte Käfighaltung wird nun fleißig in außereuropäische Länder verkauft und dort freudig umgesetzt.

Neben Kapiteln über Hühner und Rinder in der Tierproduktion und die Praktiken der Züchter und Hersteller (Hormonbehandlung bei Rindern und die Folgen für die Konsumenten, Salmonellen u.a.) enthält der Band kritische Betrachtungen über moderne Sklaverei auf Kaffee- und Kakaoplantagen, die zeigen, dass die weltweite Nahrungsmittelproduktion nach dem Prinzip des größtmöglichen Profits funktioniert – egal, ob Mensch, Tier und Natur dabei zu Schaden kommen. Robbins sensibilisiert für einen anderen Konsum, plädiert für regional erzeugte Lebensmittel aus fairer Produktion – aber eben auch für „humane“ und „nachhaltige“ Tierprodukte. Wie human oder nachhaltig kann ein Produkt sein, für das am Ende immer jemand sein Leben lassen muss? Wenn es für Kaffeebohnen ein Label „von glücklichen Kindersklaven geerntet“ gäbe, ob Robbins das auch empfehlen würde?

Robbins trägt zwar viele wissenswerte Informationen zusammen, nennt Zahlen und Fakten des modernen Tierausbeutungssystems, deckt Täuschungstaktiken der Produzenten auf und weist auf die engen Beziehungen zwischen Vertretern aus Wirtschaft und Politik hin. Doch er zieht aus seinem Wissen nicht den Schluss, auf Tierprodukte einfach zu verzichten, da man als Durchschnittskonsument letztlich nie sicher sein kann, wie sie erzeugt worden sind. Hier wäre mehr Mut zur Konsequenz schön gewesen. Wer Informationen über moderne Lebensmittelproduktion und ihre vielen Schattenseiten sucht, wird bei Robbins fündig. Wer Ausreden für seinen Tierproduktkonsum sucht, leider auch.

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